RAW Wine Fair Berlin 2015

„Sponti?“ – „Bio oder konventionell?“ – „Unfiltriert?“ – Fragen, die man immer wieder hört bei Weinmessen. Und am vergangenen Sonntag in Berlin, in der Markthalle Neun? Nicht ein einziges Mal. Warum auch? Es gibt Fragen, die muss man nicht stellen, wenn man auf der RAW ist. Denn genau dadurch definiert sie sich: die hierzulande wohl bekannteste Messe für Naturweine, so genannte natural wines oder organic wines. Alles hier ist bio, alles sponti, alles unfiltriert. In London findet die Messe schon mehrere Jahre statt. Jetzt also der Sprung über den Kanal in die deutsche Hauptstadt (nachdem es 2014 schon ein kleines Gastspiel in Wien gab).

Den Namen RAW, abgeleitet vom englischen Adjektiv raw, übersetzen die Macher so: „in natürlichem Zustand; nicht maschinell oder durch andere Prozesse bearbeitet.“ Wer seine Erzeugnisse auf der RAW zeigen will, muss ein Bewerbungsverfahren durchlaufen, bei dem geprüft wird, ob die Weine den Ansprüchen der Messemacher genügen. Ungeschwefelt – oder zumindest nur minimaler Schwefeleinsatz? Keine oder fast keine Schönung? Weitgehender Verzicht auf die etwa zwei Dutzend Zusatzstoffe, die das Weingesetz erlaubt? Bio, sponti, handgeerntet? Nur dann schafft’s ein Wein auf die Tische der RAW.

Eine rein technische Prüfung, wohlgemerkt, keine sensorische oder qualitative. Und das erklärt denn auch, warum aus manchem Verkostungsglas das hochsteigt, was man schon beim Hören des Wortes „Naturwein“ in der Nase zu haben glaubt: gemüsige Töne, Essigtöne, krautige Töne, bis hin zum Sauerkraut. Wem das gefällt und wer das für guten Wein hält: bitteschön. Aber selbst wenn zwöf Mal „Bio“ draufsteht: im wineroom wird so was als fehlerhaft eingestuft. Rating 0/12, bestenfalls 1/12. Schwamm drüber: Darüber wollen wir gar nicht reden heute. Denn neben Gemüsesaft gibt es viel zu viel Gutes, Sehrgutes und Herausragendes in Berlin.

Insbesondere eben von den Herstellern, die unter „Naturwein“ und „Nicht-Eingreifen“ gerade nicht verstehen: ab auf die faule Haut, die Hände in den Schoss und dann das Ergebnis nehmen, wie es kommt. Sondern die sich ein „Nicht-Eingreifen“ überhaupt erst ermöglichen dadurch, dass sie besonders hart arbeiten. Und in Wingert und Keller besonders gesunde, besonders saubere Rahmenbedingungen schaffen. So gesund, so sauber, dass sie es sich erlauben können, später nicht mehr eingreifen zu müssen – und dabei dennoch klasse Weine abfüllen.

Kein Wunder also, dass in Berlin oft genau jene Hersteller brillieren, die mit ihren Produkten auch bei anderen Events abräumen, bei denen nicht natural oder organic auf dem Etikett steht: Domaine de l’Horizon, Gut Oggau, Riecine, Terroir al Limit, Claus Preisinger, Tschida Illmitz, Hirschhorner Hof, Foradori … Weil es ihnen vordergründig gar nicht auf das Label „Bio“ ankommt. Sondern auf die Herstellung guter Weine. Und weil sie Bio-Methoden nicht als modische Hipster-Attitüde benutzen, sondern als vielschichtiges Herstellungsprinzip, um bessere, komplexere, charaktervollere Produkte zu erzeugen. Werfen wir uns in die Menge – und einen Blick auf einige der schönsten Highlights der RAW.

Am Ende brillieren die, die auch ohne Natural-Hipster-Label brillieren: die Winzer, die gute Weine machen. Click to Tweet

RAW Wine Fair 2015 in der Berliner Markthalle Neun.

Volles Haus und trubelige Atmosphäre: RAW Wine Fair 2015 in der Berliner Markthalle Neun.


Andrea Scovero, Piemont, Italien

Piemonto Rosso 2013
Rot | Nebbiolo | Winzer in der dritten Generation
Fest, saftig, würzig. Unterholz mit saftiger Frucht. Rating 7/12
Verführerischer Nebbiolo auf der Suche nach deutschem Importeur.

Riecine, Toskana, Italien

Chianti Classico 2013
Rot | 100 % Sangiovese
Eleganter, feingliedriger Chianti. Schöne Struktur mit sanften Tanninen und klassischer Sangiovese-Säure. Rating 7/12
Bei Sean O’callaghan kann sich mancher Chianti-Macher ein Glas abschneiden.

Riecine 2011 Toscana IGT
Rot | 100 % Sangiovese
Druckvoll ohne dabei Eleganz zu verlieren. Saftig, mineralisch, komplex, vielschichtig. Rating 9/12
Der Spitzenwein von Riecine als Statement in schwerer Burgunderflasche.

Valdonica, Toskana, Italien

Baciòlo 2012 Riserva
Rot | Sangiovese | Maremma | Lagen in etwa 500 Meter Höhe mit Mittelmeerblick
Würze, Kraft, Dichte. Ein Sangiovese in Reinkultur, exzellent gemacht. Rating 8/12
Früher Kinderarzt, heute Winzer: Dr. Martin Kerres arbeitet seit 15 Jahren auf Spitzen-Niveau hin.

Domaine de l’Horizon, Roussillon, Frankreich

Horizon Rouge 2011
Rot | Carignan, Grenache Noir | IGP Côtes Catalanes
Klar, puristisch, kühl mit vielschichtigem Nachhall . Rating 8/12
Joachim Christ zeigt Calce vom Feinsten: ganz kleines Nest – ganz große Weine.

Champagne Laherte Frères, Champagne, Frankreich

Les 7 05-06-07-08-09-10-12
Champagner, Weiß | Aus allen sieben zugelassenen Rebsorten und den sieben genannten Jahrgängen cuvéetiert
Dichtes Gelb. Feine Perlage. Strukturvoll, vielschichtig, mineralisch, elegant. Phantastische Länge. Rating 10/12
Ganz großer Stoff! Für manchen einer der besten Champagner, die er je verkostet hat.

Terroir Al Limit, Priorat, Spanien

Dits Del Terra 2012
Rot | Carignan
Frucht, Frische, Finesse – aus einer der heißesten Region Europas. Mineralisch, würzig, schöne Länge. Rating 8/12
Unbestritten großartige Weine, die der Münchener Dominik Huber im Priorat keltert.

Gut Oggau, Burgenland, Österreich

Mechthild 2013
Weiß | Grüner Veltliner | 20 Monate Ausbau in 500-Liter-Fässern
Spannend, komplex, dichte, vielschichtig, würzig. Großer Wein. Potenzial. Rating 9/12
Das Winzer-Paar Tscheppe-Eselböck geht konsequent seinen Weg – mit exzellenter Mechthild.

Christian Tschida, Burgenland, Österreich

Non Tradtion 2013
Weiß | Grüner Veltliner
Struktur, Spannung, Würze – alles da. Tolle Länge und Komplexität. Rating 9/12
Grüner Veltliner kann Orange wie kaum ein anderer – wenn es der richtige Winzer anpackt.

Weingut Judith Beck, Burgenland, Österreich

Blaufränkisch Altenberg 2012
Rot | Blaufränkisch
Saftige Würze, dunkle Beeren, Mineralik, Spannung und wunderschöne Länge. Rating 8/12
Großes Blaufränkisch-Kino aus der Einzellage Altenberg.

Sébastien Riffault, Loire, Frankreich

Quarterons Sancerre 2012
Weiß | Sauvignon Blanc
Holunderblüten in Reinkultur. Frische, Spritzigkeit und dazu die floralen Noten: wunderschön. Rating 7/12
Statt zuckriger Holunderblüten-Bowle ab sofort bitte nur noch diesen Sancerre.

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Edgar Wilkening

Geschäftsführender Gesellschafter bei wineroom.de | Eine Amon & Wilkening Division
Im Hauptberuf Strategieentwickler, Autor und Medien-Macher. Kopf des Pop-up-Restaurants "Die 7 Sünden" und von einigem mehr. In den verbleibenden Stunden des Tages dem Thema Wein verbunden als amtierender Korkenzieher von eigenen Gnaden. Erste bewusste Flasche: fränkischer Bocksbeutel aus dem elterlichen Keller – vermutlich Müller-Thurgau. Ist so was prägend ...?
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