Gedopt mit Wein und Trüffel:
Per Rad auf der Tour de Rhône

von | Celebrating, Report, Roadshow

Ein Tour-Bericht in fünf kulinarischen Etappen – von Ed Richter


 

Der König der Rhône, fast immer gegenwärtig, thront respekteinflößend über allen Lavendelfeldern, Rebhängen und Dörfern: der mystische Mont Ventoux. Er hat schon viele Pedaleure verzweifeln lassen, professionelle wie auch Hobbyradler. Nicht jeden mag der Riese, vielen wird der Ritt auf seinem Rücken zum Verhängnis.

Unvergessen der englische Radprofi Tom Simpson, der kurz unterhalb des Gipfels bei der Tour de France 1967 unter dramatischen Umständen vor Erschöpfung starb. Ein echter Schicksalsberg – lang, steil und windig.

Sein Fußvolk dagegen, die Dentelles de Montmirail, sind überhaupt nicht gemein und verhängnisvoll. Sie bieten vielmehr ein Fest für die Sinne anstatt körperliche Verausgabung. Ist doch die schroffe, kalksteinige Gebirgskette umzingelt von bekannten Weinstädtchen wie Rasteau, Vacqueyras, Gigondas oder Beaumes-de-Venise.

Sommelier Ed Richter hat die Rhône-Region am Mont Ventoux auf dem Bike erkundet – gedopt mit Trüffeln und Wein.

Man könnte die ganze Zeit freihändig radeln – so wenig ist am Canal de Carpentras los.

Etappe 1 – Von Vacqueyras nach Carpentras

Anfang Oktober hat die Sonne hier noch enorme Kraft. Ich entscheide mich für kurze Hosen. Auf ruhigen Landstraßen geht es von Vacqueyras im Südwesten auf meinem Rennrad vorbei an knorrigen Olivenbäumen, Pferdekoppeln und sanft geschwungenen Weinbergen.

Weiter nach Sarrians und Monteux mit entspanntem Kurbeln entlang schmalen Feldwegen am idyllischen, ruhig dahin fließenden „Canal de Carpentras“. Man könnte die ganze Zeit freihändig fahren, so wenig ist hier los.

Mir ist richtig warm als ich in Carpentras einrolle. Die kleine, historische Stadt und ehemalige Papstresidenz steht auf keltischen Ruinen aus der Eisenzeit.

Canal de Carpentras

Gebaut von 1849 bis 1857 zur Bewässerung. Verbindet die Rhône-Nebenflüsse Durance und Eyges. 69 km lang. Dazu Seitenkanäle mit über 700 km Länge.

Das Aquädukt im Nordosten von Carpentras. Wirkt antik – ist es aber nicht. Gebaut ursprünglich zur Wasserversorgung des Städtchens und 1745 eingeweiht. Insgesamt 48 Bögen überspannen eine Länge von mehr als 600 Metern.


 

Hier erwartet mich Anémone Carayol im Restaurant Chez Serge zum Mittagessen. Sie ist die Frau des Patrons Serge und gilt als ausgewiesene Trüffel-Expertin. Wir sitzen an meinem Lieblingsplatz unter der 200 Jahre alten Linde und freuen uns auf die Spezialität des Hauses, das Trüffelmenü.

Serge Ghoukassian eilt mit zwei Flaschen Wein um die Ecke und setzt sich zu uns. Er ist waschechter Franzose armenischer Abstammung, geboren und aufgewachsen im wilden Marseille und hat schon fast überall auf der Welt erfolgreich gearbeitet. Der passionierte Rennradfahrer und Gastronom hat sich vor über 20 Jahre in diese Gegend verliebt; hier sah er die besten Bedingungen für sein Leben und sein Restaurant.

Serges Weinkarte ist legendär und führt alles auf, was das Kennerherz begehrt. Reell und bezahlbar kalkuliert, bis in die ältesten Jahrgänge – das ist ihm wichtig: „Sie sollen ja schließlich getrunken werden“, sagt er.

Die Vorspeise klingt simpel, ist aber raffiniert in ihrer Schlichtheit: „Pâtes aux truffes“. Üppig thronen die Sommertrüffel auf der Teigware. Lobend erwähne ich Konsistenz und Geschmack. „Da musst du erst einmal meine Nudeln probieren“, wirft Anémone forsch in die Runde und schaut sich lachend um.

Serge verdreht die Augen: „Stimmt, ihre Rezepte sind die besten. Sie ist eine tolle Köchin und kann einfach alles mit den schwarzen Knollen anstellen.“ Was für eine bezaubernde Frau, die Deutsch-Französin, so voller Energie und Tatendrang. Sie möchte unbedingt die wilde Schönheit der Landschaft und die besondere Esskultur ihrer Region der gesamten restlichen Welt erklären!

Chez Serge

90 Rue Cottier
F-84200 Carpentras

Tel +33 4 90 63 21 24
Web chez-serge.com

Serges Weinkarte führt alles auf, was das Kennerherz begehrt. Bezahlbar kalkuliert – bis in die ältesten Jahrgänge.

„Wir haben hier soviel Einzigartigkeit zu bieten: die Farbenpracht der Berge, das weiche Licht und die intensiven Gerüche der Natur sind wundervoll“, schwärmt sie, lebhaft gestikulierend mit Händen, Mund und leuchtenden Augen.

Mathieu, der Kellner, serviert inzwischen „filet de bœuf façon Rossini“, delikates, zart schmelzendes Rindfleisch. Serge entkorkt bereits die zweite Flasche „Geheimtipp.“ Ein kleines Weingutes, das er neu entdeckt hat. „Domaine La Luminaille, die Weinmacherin ist jung, nicht mal 30 ist Julie Paolucci“, sagt der Sommelier. Viele Weine in dieser Region werden ökologisch hergestellt.

Serge liebt Biodynamiker: „Diese Winzer beschäftigen sich nicht nur mit Wein, sondern mit der Umwelt, Pflanzen, Tieren, verschiedenen Philosophien und logischerweise mit zukunftsorientierter Nachhaltigkeit. Ihre Weine sind reintönig, oft straff, direkt am Gaumen, saftig, nicht fett und außerdem kommen die meisten ohne zusätzliche Sulfite aus!“, erklärt er ausführlich, während er simultan einige Stammgäste begrüßt und andere verabschiedet.

“Cherchez la truffe, cherchez la truffe!” Wenn der Ruf erschallt, weiß die wollige Hundedame genau, was von ihr erwartet wird. Trüffel-Expertin Anémone Carayol hat sie von klein auf angelernt, das wertvolle “Schwarze Gold” im Boden zu finden. Echtes Prachtexemplar, das die vierbeinige Spürnase hier erschnüffelt hat.


 

„Nein, nein – hier gibt es die besten Trüffel!“, entgegnet Anémone entrüstet mit großen und verwunderten Augen auf meine Frage nach der Stellung der bekannten Périgord-Trüffel in Frankreich.

“80 Prozent der französischen schwarzen Edelknollen kommen von hier. In Carpentras gibt es nachweislich seit tausend Jahren den ältesten Trüffelmarkt. Von November bis Ende März findet immer freitags der offizielle und bedeutende Wintertrüffelmarkt – ‘Marché aux truffes d’hiver’ statt.”

Die Tochter einer Berlinerin und eines Provençalen kennt sich bestens aus. Ihre Großeltern kommen aus dieser Gegend. Sie ist, nicht weit von hier, in der Gemeinde Lacoste aufgewachsen. Anémone erschuf und leitete über sieben Jahre lang das Trüffelmuseum in Monieux.

Dadurch lernte sie auch Serge kennen, der bei Filmaufnahmen zum Thema „la Rabasse“ – die schwarzen Diamanten – die Küche repräsentierte und herrliche Kreationen auf den Teller zauberte. „Die einfachste Art sich kennen zu lernen“, scherzt Anemone und bestellt noch flott Dessert für alle.

Musée de la Truffe du Ventoux

Place Jean Gabert
F-84390 Monieux

Tel +33 490 64 14 14
Web musee-de-la-truffe-du-ventoux-monieux.business.site/

Wie bunte Zwerge stehen die „Trüffelbäume“ hinter dem Haus: Mini-Eichen, deren Wurzeln mit Sporen von Tuber Melanosporum geimpft sind.

Gerade erst letztes Jahr haben sie und Serge hinter ihrem Haus über einen Hektar „Trüffelbäume“ gepflanzt: Mini-Eichen, verschiedene Arten wie Flaum- und Steineichen, deren Wurzeln mit Sporen von Tuber Melanosporum versehen sind. Wie bunte Zwerge stehen sie ein paar Meter voneinander entfernt ordentlich nebeneinander.

„Am besten wachsen sie auf kalkreichem Boden, denn sie bevorzugen pH-Werte im alkalischen Bereich“, erklärt mir Anémone, davon gibt es hier natürlich reichlich. Es gibt etwa siebzig Sorten Trüffel, wovon nur drei als echte genannt werden dürfen: Tuber Melanosporum, Tuber Magnatum (aus Alba) und Tuber Aestivum.

Interessant ist das noch wenig untersuchte Phänomen der Symbiose, welches der unterirdische Pilz mit der Wurzel des Baumes eingeht. Er liefert seinem Wirt Mineralsalze und Wasser, dafür bekommt er Photosyntheseprodukte, die er unter der Erde selbst nicht bilden kann. Einfach perfekt, finde ich!

 Etienne de Menthon mit Tochter Isabelle vor deren Weingut – hier leider ohne Zwillingsschwester Sabine, die an diesem Tag im Weinberg unabkömmlich ist. Der heute 85-jährige Etienne wurde mitleidig belächelt, als er in den 1950er-Jahren Weinreben auf den höchsten Hängen pflanzte. Heute gilt er als Visionär, dessen großes Werk von seinen Töchtern fortgeführt wird.


 

Etappe 2 – Von Carpentras nach Malaucène

Gestärkt von den Kohlenhydraten des Vortages geht es am nächsten Morgen nach Malaucène, meinem heutigen Etappenziel. Auf abgeschiedenen Dorfstrassen und Schotterpisten, die kleine Bäche kreuzen oder von ihnen begleitet werden, radel ich friedlich, locker nach Beaumes-de-Venise, bekannt für seinen Vin Doux Naturel aus der Muscat-Traube. Von hier nehme ich die Straße nach Suzette, wo ich nacheinander zwei Winzerpersönlichkeiten besuchen möchte.

Der warme Herbsttag erlaubt mir erneut komplett in Kurz zu fahren. Die Weinlese ist hier in vollem Gange. Rechts und links des Weges sehe ich immer wieder ganze Trupps Erntehelfer, die hauptsächlich rote Trauben sammeln. Jetzt wird es deutlich steiler. Es geht hoch in die Weinberge der Cru Appellation Beaumes-de-Venise zum Château Redortier auf 400 Metern Höhe. Immer wieder muss ich einen Gang leichter schalten, bis keiner mehr übrig bleibt.

Oben angekommen, erwartet mich schon Isabelle de Menthon vor ihrem Haus freudig mit offenen Armen. Sie und ihre Zwillingsschwester Sabine haben das Weingut von ihrem Vater übernommen. Der heute 84-jährige Visionär Etienne de Menthon kam 1956 aus Savoyen und wurde mitleidig belächelt, als er auf den höchsten Lagen Weinreben pflanzte. Heute zählen die Weinberge am Fuße der spitzen Kalkfelsen zu den besten und spektakulärsten der gesamten AOP Beaumes-de-Venise.

Château Redortier

La Grange Neuve
F-84190 Suzette

Tel +33 490 62 96 43
Web chateauredortier.canalblog.com/

Die Zwillingsschwestern sind passionierte Bergsteigerinnen. Das scheint man auch in ihren Weinen zu spüren: kraftvoll, balanciert, mit kühler Frische.

Die beiden studierten Juristinnen lieben Blumen sowie Berge. Leuchtend umwachsen verschiedenste Pflanzen die schöne, für diese Gegend typische zweistöckige Sandsteinvilla. Hier möchte man länger verweilen, den Bienen beim Summen zuhören und den herrlicher Blick über die Landschaft genießen.

Die Weine der beiden passionierten Bergsteigerinnen – immerhin haben sie vor zwei Jahren den höchsten Berg Frankreichs, den Mont Blanc bestiegen – sind ehrlich und gewissenhaft. Keine verspielte Süße, nicht breit und plump: eher kraftvoll, balanciert mit einer fein animierenden Frische. Château Redortier verbindet Landschaft, Mensch und Wein zu einem stimmigen Gesamtkonzept.

Thomas Jullien im Verkaufsraum des Château La Ferme Saint-Martin. Regelmäßig finden hier Ausstellungen lokaler Künstler statt, die der kunstverbundene Winzer gerne präsentiert. Mit etwas Glück greift er sogar zum Akkordeon und spielt seinen Gästen vor.


Ähnlich aufrichtig und präzise, aber deutlich puristischer sind die Weine von Thomas Jullien in Suzette, nur wenige Kilometer weiter über den Berg. Der junge Biowinzer mit den krausen Haaren und dem hippen Vollbart ist bekannt für seine natürlichen Weine. Das Familienweingut „Domaine La Ferme Saint-Martin“ arbeitet seit 1998 biodynamisch und liegt weit oben am Berg mit grandiosem Rundumblick über das Massiv der Dentelles.

Thomas spricht leidenschaftlich mit viel Nachdruck. Er favorisiert Weine, die lebendig sowie ungeschminkt sind, deshalb versucht er sie mit so wenig Schwefel wie möglich abzufüllen, einige sogar ganz ohne. Sie erzählen von Kühle und kargen Böden. „Bei uns Biodynamikern reifen die Trauben langsamer heran und bilden auch nicht so viel Zucker. Es ist leicht, daraus einen schlanken Wein zu machen“, erklärt er mir, während wir aus dem Keller gehen.

Die Julliens sind sensible und feinsinnige Menschen, sie lieben die Kultur. Ständig werden Ausstellungen von lokalen Künstlern im frisch renovierten Verkaufsraum präsentiert. Thomas Jullien ist authentisch, sehr naturverbunden und wenn man Glück hat, spielt er seinen Gästen sogar etwas auf seinem Akkordeon vor, was in dieser Landschaft etwas skurril wirkt.

Domaine La Ferme Saint-Martin

Quartier Saint-Martin
F-84190 Suzette

Tel +33 490 62 96 40
Web fermesaintmartin.com/

Malaucène ist ein Mekka für Radfahrer. Die Boulevards sind mit Platanen gesäumt. Überall stehen Räder angelehnt und ihre Fahrer erholen sich in den Cafés.

Für mich geht es weiter auf kurvenreicher, ständig ansteigender und abfallender, kaum vom Autoverkehr belästigter Landstraße direkt durch den Naturpark Dentelles de Montmirail nach Malaucène.

Links glänzen die kargen, verschiedenfarbigen Felswände, durchsetzt vom üppigen Grün der der kauzigen Aleppo-Kiefern und Garrigue Sträucher, in der tief stehenden Sonne. Immer wieder zwingen mich die kurzen, giftigen Anstiege aus dem Sattel und im Wiegetritt zu treten.

Malaucène ist ein Mekka für Radfahrer. Die Boulevards der kleinen Stadt sind mit unzähligen Platanen und Cafes gesäumt. Überall stehen Räder angelehnt und ihre Fahrer erholen sich in der abendlichen Sonne.

Laurence Parsegian im Hof von Mas de Cocagne. Das provenzalische Landhaus aus dem 18. Jahrhundert umgibt eine riesige Parklandschaft. Ein Wohlfühlort der Extraklasse, diese Herberge westlich des Mont Ventoux.  


Kurze Zeit später stehe ich vor einem schweren Eisentor, das sich wie von Geisterhand öffnet. „Mas de Cocagne,“ liegt am Rande von Malaucène. Das wunderschöne, provenzalische Landhaus aus dem 18. Jahrhundert ist meine Herberge für heute Nacht.

Laurence Persegian und ihr Mann Samuel haben lange in ganz Frankreich suchen müssen, bis sie dieses Juwel in den Hügeln westlich des Mont Ventoux vor über 10 Jahren fanden. Hier fühlt man sich auf Anhieb wohl, umgeben von Ruhe, Wärme und Gastlichkeit.

Laurence fragt sofort bei der Ankunft nach Hunger, Durst oder anderen Wünschen. Beim Aperitif sitzt man traumhaft im Innenhof, genießt die letzten Sonnenstrahlen oder die anrückende Blaue Stunde. Es gibt frisch zubereitete, warme Canapés und von ihr selbst gemachte Fruchtsäfte oder Liköre.

Mas de Cocagne

Route de Champ Long / route de la Madeleine
F-84340 Malaucène

Tel +33 681 43 76 62
Web masdecocagne.fr

Später sitzen alle Gäste gemeinsam am großen, schweren Holztisch und werden mit schmackhafter einheimischer Küche verwöhnt.

Später sitzen dann alle Gäste gemeinsam an einem großen, schweren Holztisch und werden mit rustikaler, sehr schmackhafter einheimischer Küche verwöhnt. Alle Produkte sind regionalen Ursprungs, Laurence kennt jeden einzelnen Bauern persönlich und bietet sogar Besuche dort an.

Etappe 3 – Von Malaucène nach Séguret

Am nächsten Morgen möchte ich unbedingt zum Markt nach Vaison-la-Romaine. Der „Grand Marché Provençal“ präsentiert immer dienstags in den schmalen Gassen und auf den Plätzen der antiken römischen Stadt alles, was die Region Provence so bietet.

Erstaunlich, wie viele junge Menschen dort Waren anbieten. Wie selbstverständlich steht ein urbaner Hipster mit Baseballkappe am Gewürzstand und verkauft Öle, Seifen sowie duftenden Lavendel aus großen Säcken. Pierre erzählt mir wie provenzalische Kräuterseifen hergestellt werden und ich kaufe ein großes, duftendes Stück für meine Schwester, die so was liebt.

Um die Ecke führt die romantische, alte Brücke über die Ouvèze in die Oberstadt und zum Schloss. Erhascht man dort einen ruhigen Augenblick, könnte man sich tatsächlich in gallorömischer Antike wähnen. Um die charmanten Restaurants und Cafés in der verwinkelten Altstadt zu erreichen, schiebt man besser das Fahrrad durch die rumpeligen Pflasterstein-Gassen.

Grand marché provençal de Vaison-la-Romaine

Besteht seit über 500 Jahren. Jeden Dienstag erstreckt er sich über die Innenstadt. Mit mehr als 450 Ständen einer der größten Wochenmärkte der Provence.

Raum für Traditionelles ebenso wie für Modernes auf dem “Grand Marché Provençal”: Pierre, ein urbaner Hipster mit Baseballkappe, verkauft an seinem Gewürzstand Öle, Seifen sowie duftenden Lavendel aus großen Säcken.


Ein echtes Highlight ist auch der kleine Käseladen “Lou Canestou” von Josiane Deal nahe dem Place Montfort, für Käseliebhaber der heilige Tempel. Als Veredlerin ist sie weit über die Grenzen Frankreichs bekannt ­– ein „Maître fromager affineur“.

Ein dezentes Foto an der Wand, hinter dem Tresen zeigt Josiane wie sie 2004 von Jacques Chirac persönlich mit dem Titel: „Meilleur Ouvrier de France“ (Bester Handwerker Frankreichs) ausgezeichnet wird.

Sie beliefert viele Spitzenrestaurants in der gesamten Provence mit ihren Kreationen. Sicher auch die Handvoll guter Restaurants in Séguret, meinem nächsten Etappenort.

Das Dorf gehört offiziell zu den schönsten ganz Frankreichs. Harmonisch schmiegt es sich an eine große, grüne Bergkuppe. Die hübschen Feldsteinhäuser aus dem 13. und 14. Jahrhundert sehen aus wie zusammengeklebt und in den Felsen gedrückt.

Fromagerie Lou Canestou

10, Rue Raspail
F-84110 Vaison-La-Romaine

Tel +33 4 90 36 31 30

In Seguret sind die Gässchen so schmal, dass man beide Häuserseiten gleichzeitig berühren kann. Fahren geht nicht, zu holperig sind die Steine hier.

Um die steilen Rampen direkt ins Dorf hochzufahren benötigt man einen langen Atem. Belohnt wird man mit einen umwerfenden Blick über die Landschaft mit ihren Weinbergen und auf die untergehende Sonne.

Hier sind die Gässchen teilweise so schmal, dass man mit ausgestreckten Armen beide Häuserwände gleichzeitig berühren kann. Fahren geht nicht, zu holperig sind die Steine hier. Es herrscht eine eigenwillig sanfte und zeitlose Atmosphäre. Das spirituelle Licht weicht langsam der Dämmerung und transzendente Stille schluckt die letzten Geräusche im Tal.

Ich bin jetzt müde und freue mich aufs Bett.

Wohl der bekannteste Weinmacher der Region: Louis Barruol, Inhaber von “Château de Saint Cosme”, Winzer in fünfzehnter Generation. Ganz unprätentios und authentisch – er als Mensch genauso wie seine Weine. Die Gemächer des Weinkellers gehen auf römische Zeiten zurück.


Etappe 4 – Von Séguret nach Gigondas

Man sagt, was einem Freude bereitet, macht keine Mühe. So fliege ich förmlich auf meinem Rad Richtung Gigondas, meiner Lieblingsdestination an der gesamten Rhône. Vorbei geht es auf breiter Straße an dem pittoresken Dörfchen Sablet, welches komplett um einen einzigen Hügel gebaut scheint und an einen Ameisenhaufen erinnert. Danach geht es wieder näher an die Kalkfelsen der Dentelles und damit geschmeidig auf und ab. Gigondas ist winzig, mit gerade mal 500 Einwohnern.

Wer das Ortschild beim Bergrunterrollen passiert hat und am „Place du Villages“ das Bremsen vergisst – ist auch gleich wieder raus. Hier gibt es weder Trubel noch Verkehr, es ist angenehm beschaulich. Alles scheint wie in Zeitlupe abzulaufen. Man sitzt hier unter riesigen Platanen, schaut ins Tal und sinniert über das Leben.

Das kann auch Louis Barruol vorzüglich – prominentester Winzer hier. Sein Weingut liegt am Rande von Gigondas, dennoch lohnt es sich kaum auf das Rad zu steigen, so nah ist alles beieinander. Louis ist mitten in der Ernte. „Die Sonne scheint, es ist trocken und alle Trauben sind gesund“, begrüßt er mich mit einem zufriedenen Lachen.

Mit seinen kurzen beigefarbenen Shorts und den Trekkingschuhen sieht er eher aus wie ein Ranger in Afrika denn ein richtiger Weinbauer. Dennoch ist er Winzer in fünfzehnter Generation, seit seine Vorfahren 1570 das „Château de Saint Cosme“ erwarben. Louis Barruol gilt als Visionär, Künstler und Perfektionist.

Château de Saint Cosme

126 Route des Florëts
F-84190 Gigondas

Tel +33 490 658 080
Web saintcosme.com

Als Louis’ Vater auffiel, wie still es in den Weinbergen geworden war, weil plötzlich die Vögel fehlten, stellte er konsequent auf biologischen Weinbau um. Das war 1972.

Es macht viel Freude ihm zuzuhören. Auf jede Frage hat er offenbar die richtige Antwort. „All mein Wissen verdanke ich meinem Vater Henri, ich habe keinen Weinbau studieren müssen. Er hat die Vorzüge des biologischen Weinbaus schon 1972 erkannt. Aus Respekt vor der Natur und insbesondere den hier lebenden Vögeln wurde niemals irgendwelche Chemie verwendet. Darauf baue ich auf. Ich bin jeden Tag glücklich, hier leben und arbeiten zu dürfen,“ resümiert er auf dem Weg nach oben zur 900 Jahre alten Kapelle von Saint Cosme. „Sie wurde schon von den Römern erbaut, überstrahlt unsere Weinberge mit einer friedlichen Atmosphäre“, erzählt er weiter und schaut aufmerksam durch seine Nickelbrille.

Es ist ein Bilderbuchtag, die Luft ist so klar, die gezackten weißen Spitzen der Dentelles de Montmirail scheinen zum Greifen nah. Wir gehen durch die Weinberge zurück zum Keller. Louis Barruol spricht vom Boden, von Biodiversität, von der Einzigartigkeit der Exposition und der Bedeutung von alten Reben. Als neue Herausforderung für die Zukunft sieht Monsieur Barruol den Anbau von Weißweinen in Gigondas.

Erst vor vier Jahren pflanzte er neue Reben mit Marsanne und Piquepoul, die früher geerntet wurden als die roten. Noch sind in der AOC Gigondas keine Weißweine vorgesehen, aber das wird dem dominanten Verbands-Präsidenten wohl keine Sorgen bereiten.

Seine Weine verkostet er am liebsten im uralten gallo-römischen Weinkeller tief unter seinem Haus, zwischen Fässern und antiker Geschichte. Hier gibt es noch die 2000 Jahre alten, in den Fels gehauenen Weintröge, in denen damals schon Maische vergoren wurde. Ob die Weine damals auch schon so mineralisch schmeckten wie heute?

Kleines Kaff, aber weltbekannt und zum Niederknien schön: Blick über die Dächer von Gigondas.


Zurück im Dorf freue ich mich schon auf meine Belohnung. Denn eine der schönsten Dinge am Radfahren und den körperlichen Anstrengungen tagsüber ist ein gutes Essen am Abend. Dafür ist das „Restaurant L`Oustalet“ in Gigondas perfekt geeignet.

Laurent Deconinck ist ein virtuoser Koch. Mit seinem Team probiert er ständig neue Kreationen. Lange brutzeln sie in der Küche wie in einem Labor, bis das einzig richtige Menü erschaffen ist und auf die Karte kommt.

Fein und extradelikat sind seine Menüs. Es gibt nur zwei Seiten auf der Karte: „Les Produits du Moment“ und „Nos Accords Mets & Vin.“ Das reicht vollkommen, um im „Restaurant L`Oustalet“ glücklich zu sein.

Restaurant L`Oustalet

5 Place Gabrielle Andéol
F-84190 Gigondas

Tel +33 490 65 85 30
Web loustalet-gigondas.com

Die vergangenen Tage haben eine Art Entschleunigung erzeugt. Trotz der körperlichen Anstrengung fühle ich tiefe Zufriedenheit.

Etappe 5 – Von Gigondas zurück zum Start

Am letzten Tag pedaliere ich durch welliges, aber gut zu fahrendes Terrain auf dem „Chemin de Longue Toque“ zurück nach Beaumes-de-Venise und Carpentras.

Die vergangenen Tage im Oktober haben eine Art Entschleunigung erzeugt. Trotz der körperlichen Anstrengung fühle ich eine tiefe Zufriedenheit. Man muss in dieser Region nicht ehrgeizig unterwegs sein. Einfach einen kleinen Berg oder Gipfel mit schönem Ausblick erklimmen, dabei den Picknickkorb und natürlich Wein aus den umliegenden Hügeln nicht vergessen! Sich setzen – riechen, schmecken, schauen und die Seele baumeln lassen.

Hier, am Fuße des Ventoux zählen weder Geschwindigkeit noch Leistung, sondern die Kraft der Landschaft und der Genuss am puren Radeln. Dann wird es ein Fest für die Sinne!

Kleine Wein-Leseauswahl mit weiterem Weinlese-Stoff im wineroom

Canalicchio di Sopra Brunello di Montalcino 1985

Was war im Glas?Canalicchio 1985 Brunello di Montalcino, 13,5 % vol.Wer steckt...

Castello di Querceto Chianti Classico Riserva 1985

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Wann werden die Trauben gewaschen?

Hallo Dr. Sommelier, jede Hausfrau weiß ja, wie wichtig es ist, Gemüse und...

Künstler Kostheim Weiß Erd 2009

Was ist die Vorgeschichte? Immer, wenn Geheimagent Null-Null-Neun auf dem...

RAW Wine Fair Berlin 2015

"Sponti?" – "Bio oder konventionell?" – "Unfiltriert?" Fragen, die man immer...

Restetrinken wegen Ruhestand

Wer diese feingliedrigen Rieslinge noch kennenlernen möchte, muss schnell...

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Der Rorschach-Test für Weinfreunde

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Runde Vier: Wie hoch ist der Zeitaufwand?

Drei Runden lang gingen die Punkte in unserem Fakten-Check klar an Wein....

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Was war im Glas?GrüVe 2015, Grüner Veltliner, trocken, 11,5 % vol.,...

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Was ist die Vorgeschichte?Die Weine der Mullineux Family werden immer wieder...
Ed Richter
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Ed Richter

Sommelier & Wein-Journalist bei Weinteacher Ed Richter
Ein Sommelier – so einzigartig wie die Weine, die er moderiert. Ob live auf der Bühne, bei Seminaren und Verkostungen: Der Hamburger Sommelier und Wein-Journalist Ed Richter bringt die Sache auf den Punkt.

Wäre der Mann einer der Weine, die er vorstellt, man würde wohl über ihn sagen: Schon der Auftakt ist spannend, dann folgen Struktur, Balance, Tiefgang, und am Ende überzeugt er durch beeindruckende Länge. Cheerio!
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