Die glorreichen Sieben (ähm, Sechs)

Sommelier Ed Richter checkt die Münchener Oktoberfest-Biere

25. Okt. 2026

Eigentlich hätte ich das als Sommelier viel früher machen müssen: Die Helden des Oktoberfestes – die Wiesnbiere – in einer Blindprobe gegeneinander antreten lassen!

Hätte ich nur geahnt, dass die exklusiv für das größte Volksfest der Welt eingebrauten Biere so unterschiedlich schmecken, hätte ich sogar auch ein spannendes Seminar dazu anbieten können.

Aber Achtung: Nur sechs Münchner Traditionsbrauereien dürfen das Oktoberfestbier ausschenken und auch so heißen.

In der Europäischen Union ist dies seit Oktober 2022 als geschützte geografische Angabe (g.g.A.) eingetragen. Heuer sind das: Augustiner, Hacker-Pschorr, Löwenbräu, Paulaner, Spaten und das staatliche Hofbräu.

Vielleicht gibt es ja nächstes Jahr offiziell sieben „Wiesn-Helden“ in München, aber dazu gleich mehr.

Über die Geschichte der einzelnen Brauereien lassen sich Tonnen von Büchern füllen. Darum geht es hier nicht, sondern ausschließlich um den aktuellen Geschmack.

Kurze Informationen zum Status quo: Nur Bier, welches innerhalb der Stadtgrenzen und nach dem Münchner Reinheitsgebot von 1487 mit Münchner Tiefengrundwasser gebraut wird, findet den Weg in die gigantischen Zelte.

Das würde auch auf das Festbier von Giesinger zutreffen, dem vermeintlich siebten Held im Bunde. Aber so einfach ist das natürlich nicht, da sich die etablierten Platzhirsche mit der Idee der relativ neuen und siebten Brauerei der Stadt nachweislich schwertun. Müssten sie doch ein Stück ihres Gerstenkuchens abgeben! Das wird in Zukunft noch etliche rechtlich und politisch Auseinandersetzungen geben. Mir doch egal – nur der Geschmack der dunkelblonden, süffig bittersüßen und kraftvollen bayerischen Kulturgetränke zählt jetzt!

Verkostet wird aus der Flasche und traditionell aus einem guten, hand- und mundgeblasenem Weinglas. So schmeckt Bier in allen Facetten am besten, finde ich. Hier mein Ranking der Glorreichen Sieben, wobei Platz 1 und 2 sehr dicht beieinander liegen.

Valdicava Verkostungstisch

Platz 1 – (Der Klassiker)

Hacker-Pschorr 6,0 Alk.

Strahlende Bernsteinfarbe im Glas. Nase: Reife Quitte, Aprikose, Feige und gelbe Mango. Deutlich Walnuss Aroma, gepaart mit Wiesenkräuter und frischem Hopfen. Am Gaumen karamellig cremig mit nussigen Attributen und bescheidener Bitterkeit. Ein stimmiges Bier mit schönem Mundgefühl und hopfigem Nachhall. Ein gutes und sehr ausgewogenes Produkt mit einer weichen Textur und leichter Trinkigkeit, auch im zweiten und dritten Schluck.

Valdicava Verkostungstisch

Platz 2 – (Die Fette Schnecke)

Hofbräu 6,3 Alk.

Kandierte gelbe Früchte, Birne, Pfirsich und exotische Noten von Papaya und getrocknetem Obst. Dazu Kamillenextrakt, Löwenzahn und leichte Bergamotte. Hat kräftige Hopfennoten in der kühlen Aromatik zu bieten. Weich, aber deutlich kleiden die Bittertöne den Mundraum aus. Sehr präzise mit feiner Säure und präsentem Mandelaroma lässt sich der vollmundige Gerstensaft mit Freude einfach schlucken.

Valdicava Verkostungstisch

Platz 3 – (Das Gute Mittelmaß)

Löwenbräu 6,1 Alk.

Es geht los mit sommerlicher Blumenwiese, grünem Gras und getrockneter Kiwi. Weiterhin kommen balsamische Ingwernoten und gelber Mais zum Vorschein. Eingebundene, harmonische Hopfentextur macht das leicht honiglastige Durchschnittsbier am Ende etwas frischer und spannender zu trinken. Beim zweiten und dritten Schluck wird die bittersüße Würzigkeit ausgewogener und etwas spannender. Generell ein lecker, süffiges und unkompliziertes Bier für alle Ansprüche.

Valdicava Verkostungstisch

Platz 4 – (Everybody´s Darling)

Spaten 5,9 Alk.

Erstmal erstaunlich helles Goldgelb im Glas. Rostige Noten, etwas Kamille, Orangenblüte. Florale Töne von Jasmin und ätherische Bergamotte. Spartanisch mit typischen Bieraromen ohne großen Ausschlag. Trotz seiner offenkundigen Bitterkeit wirkt das Bier eher feminin und fragil. Mit seiner moderaten Süße und ausgewogen feinen Säure erscheint es alltäglich und auch ein wenig beliebig. Im Großen und Ganzen würde ich es nicht als Oktoberfestbier erkennen.

Valdicava Verkostungstisch

Platz 5 – (Das Alltägliche)

Augustiner 6,3 Alk.

Gleich zu Beginn findet sich etwas Gummi und Kautschuk gepaart mit getrocknetem Heu. Fruchtige Noten wie Orange, gelber Apfel und grüne Birne treten in den Hintergrund. Am Gaumen zeigt sich das Bier ausgewogen und balanciert ohne Ecken und Kanten. Am Ende fallen kräuterige und seifige Noten unter dem Hofpenaroma auf. Der Gesamteindruck ist etwas belanglos und auch der Trinkfluss hemmt und bremst.

Valdicava Verkostungstisch

Platz 6 – (Das Spaßige)

Giesinger 6,0 Alk.

Die rötliche Farbreflexe fallen im auffallend, dunklen Bernstein gleich ins Auge. Gereifte Ananas, Rosendüfte, Dörrobst und getrocknete Apfelscheiben umschwirren die Nase. Auch eine Art Holznote und ätherische Tannenzapfen mit Fichtennadelaromatik findet sich zwischen den exotischen Früchten. Ein saftig süßer Auftakt mit relativ wenig Hopfennoten. Was für ein „Pleaser“- das mit Abstand extrovertierteste aller 7 Helden: Fett, dicht, fruchtig. Typisch Giesinger, dass sich irgendwie abheben will von den etablierten Wiesnbieren.

Valdicava Verkostungstisch

Platz 7 – (Das Omnipräsente)

Paulaner 6,0 Alk.

Viel Werbung und überall zu sehen! Supererfolgreich mit seinem Spezi. Aber wohin will Paulaner mit diesem Bier? Das schönste ist das Goldgelb der Bernsteinfarbe im Glas. Der erste olfaktorische Eindruck ist eine Mischung aus Hopfen, Gummi, Blumenwiese und Handwaschseife mit wahnsinnig künstlicher Vanille, die durchgehend und penetrant künstlich daherkommt. Erinnert in der Substanz an das Spaten aber mit diesem nervigen vanilligen Parfüm. Im Finale und Nachhall dann mit etwas versöhnlich feiner Bitterkeit, die eigentlich einem soliden Bier gut stehen würde.

Valdicava Verkostungstisch

Fazit

Sehr unterschiedliche Philosophien und Geschmäcker werden dem Publikum auf dem größten Volksfest präsentiert. Kaum jemand nimmt es aber wahr. Realistisch gesehen ist den 7,4 Millionen Besuchern heuer der Inhalt der Mass Krüge herzlich wurscht. Hauptsache er ist voll, die Stimmung ausgelassen und die Musi spielt laut genug. Schade eigentlich!

Weinteacher Ed Richter

Autor: Der Münchener Sommelier und Weinteacher Ed Richter

Ed Richter
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