Canalicchio di Sopra Brunello di Montalcino 1985

von Okt 31, 2015Red, Tasting0 Kommentare

Was war im Glas?
Canalicchio 1985 Brunello di Montalcino, 13,5 % vol.

Wer steckt dahinter?
Franco e Rosildo Pacenti nell’Az. Agr. Canalicchio di Sopra,

Ausstattung und Zustand?
Bordeauxflasche. Füllstand in the neck. Naturkorken, in sehr gutem Zustand. Tadelloses Etikett.

Wo kommt die Buddel her?
Erworben aus dem Bestand eines privaten Weinsammlers.

Was kostet der Spaß?
Im Web werden Preise von 100 Dollar und mehr aufgerufen – ohne aber tatsächlich eine Flasche liefern zu können. Mondpreise. Für die vorliegende Flasche gingen circa 30 Flocken übern Tisch.

Die vielleicht längste Praline der Welt – im Glas als definitiv kürzeste Praline der Welt

Wie ist er denn nun?
Aufgezogen – eingeschenkt – und dann der Hammer: eine so betörende duplo-Nase, die aus dem Glas strömt. Fantastisch, fast schon kitschig und selten so präsent im Glas erlebt. Nougat, Haselnuss, Vollmilchschokolade, Waffel, Röstung – wunderschön. Man hört geradezu das Knistern der Knusperfolie. Als hätte jemand Schokoriegel in rauen Mengen im Fass versenkt. Brunello-Nase vom schönsten.

Aber dieser Zauber währt nur einen Augenblick. Im nächsten Moment schon verflogen. Schneller, als man ein duplo verknuspert hat. Und an Stelle des Schokoriegel treten Leder, Holz, wenig Frucht. Dieser rasante Wandel in der Nase, kündigt sie schon an: die Brüchigkeit des Weins. Innerhalb weniger Stunden durchlebt er alle Phasen im Schnelldurchlauf. Das schnelle Aufblühen, in dem sich der Glanz früherer Zeiten zeigt, das Aufbäumen der Aromen und dann der Zerfall. Ein alter Mann, dem man mit Respekt begegnen muss.

Tadelloser Füllstand, tadelloser Korken. Am Glasrand deutlich aufgehelltes Florentiner Rot. Wenig Frucht im Mund, deutlich vom Holz geprägt, immer noch spürbare Tannine, mürbe. Was für ein kräftiger Holzbursche muss das mal gewesen sein. Präsente Säure, die immer noch Frische verleiht und ihm wohl auch über die dreißig Jahre geholfen hat. Unterholz, Tiefe, Komplexität. Schönes Finish. Absolut würdevoll.

Wann hatte er seine beste Zeit? Diese Flasche wohl vor fünf bis zehn Jahren. Selbst wenn 1985 als großer Jahrgang in Montalcino gilt, dreißig Jahre sind in der Regel echt Obergrenze bei Brunelli. Dann sind sie in der letzten Phase der Entwicklung: dem Abstieg. Und der zeigt sich beim Canalicchio spätestens am Folgetag. Da ist der Wein zerbrochen. Nichts mehr geblieben vom früheren Glanz, nichts mehr von den Aromen des Vortags. Auseinandergefallen. Vorbei.

Umso mehr sagen wir dem alten Mann danke. Denn diese vielleicht längste Praline der Welt, die so wunderschön aus dem Glas gelacht hat, als definitiv allerkürzeste Praline der Welt, nur für einen Augenblick, war es wert, den Korken zu ziehen. Werde ich nicht vergessen.

Aus welchen Gläsern wurde probiert?
Schott Zwiesel Viña Rotweinglas.

Wer hat’s probiert?
Eine bunte Runde namhafter Experten.

Ist dieser Beitrag gewerblich gesponsort?
Nein.

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Edgar Wilkening

Head & heart of wineroom bei wineroom.de
Vielfach ausgezeichneter Strategie- und Kommunikations-Experte. Erfinder des legendären Pop-up-Restaurants "Die 7 Sünden", der Weinbar Rieslingrepublik und von vielem mehr. Administratives Oberhaupt von Minden an der Weser.de.

Dem Thema Wein seit Jahren verbunden als Geprüfter Agraffenlöser & Diplom-Korkenzieher (WR) sowie Anerkannter Berater für Deutschen Wein (DWI). Erste bewusste Flasche: fränkischer Bocksbeutel aus dem elterlichen Keller – vermutlich Müller-Thurgau. Ist sowas womöglich prägend ...?
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