Mittelrhein Weinmesse 2016 in Bacharach

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Wenn man aus einer der großen Metropolen kommt, wirkt Bacharach fast wie ein vergessener Ort. Wie aus der Zeit gefallen. Historische Häuser, ja, viel Fachwerk, Stadttürme, überall Kopfsteinpflaster, eine halb verfallene Kirchenruine am Hang, über allem die Burg. Idyllisch.

Aber die Jugend zieht weg. Der letzte Fleischer im Ort hat offenbar keinen Nachfolger mehr gefunden, der Laden verrammelt, das Haus zu verkaufen. Überall dicke Löcher im Mobilfunknetz. Und wenn des Abends die Touristen mit Bahn oder Boot oder im Bett verschwinden, legt sich eine stille, dunkle Decke über den Ort, die nur vom Gröhlen durchrollender Güterzüge durchbrochen wird.

Ich mag das ja. Also – jetzt nicht die Güterzüge. Aber diese Abgeschiedenheit. Dieses Aus-der-Zeit-gefallen-sein.


Panorama von Bacharach eingebettet ins Mittelrheintal

Bacharach – eingebettet in das als UNESCO-Weltkulturerbe geschützte Mittelrheintal. Rechts im Bild: einer der ehemals 16 Wehrtüme des heutigen 1.800-Seelen-Städtchens. Stolzer Schnitt: Das macht knapp einen Wehrturm pro hundert Nasen.


Aber es offenbart sich dahinter noch etwas ganz anderes. Bacharach ist einer der Hauptorte im Weinbaugebiet Mittelrhein. Und so wie Bacharach als halbvergessener Ort erscheint, so wirkt auch das Anbaugebiet Mittelrhein ein wenig wie vergessen in der deutschen Weinlandschaft.

Fragen Sie einfach mal rum: Dreizehn Anbaugebiete gibt’s hierzulande – welche sind’s? Mosel, Franken, Rheingau, Pfalz – na klar, solche Klassiker kommen immer sofort. Aber wenn es am Ende für acht, neun, vielleicht sogar zehn Anbaugebiete gereicht hat: Mittelrhein wird in praktisch jeder Aufzählung fehlen.

Zu klein, zu unbekannt ist der Name – der Auszeichnung als Weltkulturerbe zum Trotz. Der Unesco geht’s ja schließlich um Burgen, Loreley und all das. Nicht um Wein.

Gerade mal etwa 150 Weinbaubetriebe gibt es am Mittelrhein. Insgesamt bewirtschaften sie nur rund 450 Hektar Rebfläche. Zum Vergleich: die Pfalz kommt annähernd auf die 50fache Fläche (circa 23.500 Hektar) und knapp 25 mal so viele Weinbautriebe (etwa 3.600).

Dabei stammen für mich einige der schönsten, filigransten und elegantesten Weine Deutschlands vom Mittelrhein (so wie dieser hier). Grund genug, im wineroom lauthals ein „Tschüss!“ in die Runde zu werfen und die Geschmacksknospen Richtung Bacharach zu bewegen. Denn dort findet regelmäßig im Frühsommer die Mittelrhein-Weinmesse statt (als Endverbrauchermesse).

Am 28. Mai 2016 zeigten knapp dreißig Weinbaubetriebe ihre aktuellen Gewächse. Das meiste davon blutjung und frisch abgefüllt oder als Fassprobe aus dem Jahrgang 2015. Aus dem extrem schwierigen und ertragsschwachen Jahr 2014 war kaum noch etwas vor Ort.

Dafür aber gereifte Rieslinge „aus der Schatzkammer“. Neun Gewächse bis runter ins Jahr 1983, die nicht alle, aber doch zum größten Teil einen Eindruck davon vermitteln, welches Potenzial Mittelrhein-Rieslinge haben, wenn sie gut gearbeitet sind. („Schatzkammer-Weine“ sind unten blau hervorgehoben.)

Also vormerken: Die nächste Mittelrhein-Weinmesse findet am Samstag, den 27. Mai 2017 statt. Mehr Infos dazu gibt’s hier. Bei uns im wineroom steht der Termin schon im Kalender. Vielleicht sieht man sich ja.


Mittelrheinhalle mit Fresken-Maltechnik

Mittelrheinhalle in Bacharach: Veranstaltungsort der alljährlichen Mittelrhein-Weinmesse. Am Giebel befindet sich in alter Fresken-Maltechnik das Bild eines Weinjünglings, der als Titelfoto ganz oben diesen Beitrag schmückt.


Weingut Josten & Klein, Remagen

Riesling „Vom Schiefer“ 2015
Trocken. Komplett aus der Lage Forstberg, aber aus Randlagen und erstem Lesedurchgang. Spontan vergoren. Zurückhaltende Nase. Schlank, frisch, spritzig. Schön balanciert. Macht Spaß. Rating 6/12
Prima Gutswein von den beiden gefeierten Aufsteigern.

Riesling „Glanzstück“ 2014
Trocken. Neuer Name. Hieß in früheren Jahren Riesling „R“. Ertrag bei etwa 55hl/ha. Sponti. Gebrauchtes Barrique. Saftig, ohne überbordend zu werden, dicht, schlank, gut strukturiert. Rating 7/12
Der Name ist Programm: glänzend gemachtes Glanzstück.

Leutesdorf Riesling 2014
Trocken. Helles Gelb. Einladende, typische Rieslingnase. Stoffig, mineralisch, balanciert, langer Nachhall. Gut gearbeitet für so einen schwierigen Jahrgang. Rating 7/12
Klasse, was im Jahr ’14 dann doch noch drin war.

Leutesdorf Im Forstberg Riesling 2014
Trocken. Gut strukturiert, ausgewogen, fein gewobene Textur, mineralisch. Toller Nachhall. Für einen 14er wirklich groß, Respekt. Rating 8/12
Das Beste gemacht aus dem schwierigen Jahr.


Weingut Dr. Kauer, Bacharach (ECOVIN)

Spätburgunder Weißherbst „Tornado“ 2015
Rosé. Trocken. Heller Lachston. Kühle, saftige Nase. Herb im Mund, frisch, spritzig, mundwässernd. Macht Spaß im Glas – und am Gaumen. Rating 6/12
Rosé ganz ohne Kitschfaktor – gut!

Bacharacher Wolfshöhle Riesling Kabinett 2015
Trocken. Alte Reben: 1968 gepflanzt. Fast transparent im Glas. Im Mund Kraft, Volumen, Dichte, Saftigkeit bei 5 gr. Restzucker. Unter neun Euro ab Hof. Sehr gut. Rating 7/12
Kabinett? Wow! Das schafft manch anderer mit Spätlese nicht.

Bacharacher Kloster Fürstental Riesling Spätlese Alte Reben 2015
Trocken. Rebbestand ebenfalls 1968 im Zuge der Flurbereinigung angelegt. Wieder fast transparent. Straffe Präsenz, tolle Struktur, Eleganz, Würze, Mineralik. 5 gr. Restzucker. Großartig. Trinken ab 2018. Rating 8/12
Wird von uns definitiv geordert und in den Keller gepackt.

Bacharacher Kloster Fürstental Riesling Spätlese 1999
Halbtrocken. Schatzkammer-Wein. Kaum gepresst, deshalb kaum Phenole, dadurch nahezu transparent im Glas (wie die aktuellen Jahrgänge auch). Im Auge praktisch keine Alterstöne erkennbar. Ätherische Nase, würzig, Minzenoten. Minimales Petrol. Im Mund dicht, volumig, lang. Fantastisch balanciert, immer noch frisch. Und das bei schlanken 11 % vol. Restzucker bei 35 gr. Große Klasse. Rating 8/12
Würden wir uns sofort zulegen und aufmachen – wenn es ihn noch gäbe.


Weingut Lanius-Knab, Oberwesel (VDP)

Riesling VDP Gutswein 2015
Trocken. Fast transparentes weiß. Zurückhaltende Nase. Im Mund filigrane Saftigkeit. Gut balanciert. Schöner Trinkfluss. Rating 5/12
Ordentlicher Gutswein mit 7,50 ab Hof fair gepreist.

Engehöller Bernstein Riesling „S“ VDP Erste Lage 2015
Trocken. Schieferboden. Name „Bernstein“ kommt von „brennendem Stein“. Helle Transparenz. Küchenkraut in der Nase. Filigran, dicht, elegant, gut strukturiert. Hammer Mineralik. Rating 7/12
Bei diesem Bernstein leuchten die Augen.

Bernstein Riesling „Großes Gewächs“ VDP Große Lage 2014
Trocken. Jahrgangsbedingt schnelle Lese, 50% Ertragsreduzierung. Nur 600 Flaschen. Fast transparentes Weiß. Karg im Mund, fast abweisend spröde. Extreme Mineralität. Braucht Zeit. Wird ab 2015 die Lagenbezeichnung „Am Lauerbaum“ tragen. Rating 8/12
In den Keller legen und abwarten.


Weingut Matthias Müller, Spay (VDP)

Bopparder Hamm Feuerlay Riesling -S- 2015
Trocken. Boden mit Lehm-Löss-Anteil. Saftige Nase, Steinobst, Frucht. Im Mund kongruent: saftig, fruchtig, frisch. Schöner Trinkfluss. Rating 6/12
Saftiger Riesling-Spaß für neun Euro ab Hof.

Bopparder Hamm Feuerlay Riesling Spätlese „Edition MM“ 2015
Süß. Kirmesbude in der Nase: Karamell, kandierte Früchte, Zuckerwatte. Alles, was wir schon als Kinder liebten. Im Mund saftig, mit britzelnder Säure, die den Zucker gut puffert. Dichte Struktur. 102 gr. Restzucker. Toll. Potenzial. Rating 7/12
Tarte Tatin auf den Tisch und diese Spätlese dazu – klasse.


Weingut Philipps-Mühle, St. Goar

St. Goarer Frohwingert Riesling 2014
Trocken. Ungewöhnlicher Frohwingert, anders als frühere Jahrgänge – und spiegelt damit das Jahr 14 wieder: Feuersteinnoten am Gaumen. Schwierige Lesephase. Kann sonst mehr. Elegant, mineralisch. Rating 6/12
Ein Name, der Frohsinn verspricht. Und eigentlich auch immer einhält.

St. Goarer Ameisenberg Riesling 2015
Restsüß. Blumige Nase. Vitale Säure, Süße gut eingebunden, frisch, schöne Textur. Deutlich von seiner Jugendlichkeit geprägt. Trinken ab 2017. Restzucker bei 60 gr. Rating 6/12
Die Ameisen wissen, wo’s am Berg Gutes gibt.


Weingut Rolf Heidrich, Bacharach

Bacharacher Wolfshöhle Riesling Spätlese 1994
Halbtrocken. Erstertrag aus einer Anlage, die 92 gepflanzt wurde. Geerntet mit 94° Oechsle. 10,5 % vol. 14 RZ, 8,2 gr. Säure. Reifes Gelbd im Glas. Blumenwiese, Würze, einladende Nase. Im Mund imemr noch vital, lebendig, reif, aber auf der Höhe. Gut strukturiert. Bleibt lange im Mund, reifer Nachhall. Toll! Rating 7/12
Rehrücken auf die Teller und dazu so ein reifer Riesling – fantastisch.


Weingut Thomas Nuding, Bacharach-Steeg

Riesling Qualitätswein 1993
9 % vol. Keine Angaben zu Restzucker etc. Goldgelb im Glas. Aromen von Bratapfel, getrockneten Äpfeln. Voller, saftiger Mund. Reife Früchte, getrocknete Früchte. Die opulente Fruchtaromatik getragen vom Zucker. Immer noch vital und präsent. Gut! Rating 7/12
Schmaler Alkohol und trotzdem Potenzial! Wer braucht da 15-Prozent-Bomben?


Weingut Toni Jost, Bacharach (VDP)

Bacharach Hahn Riesling Spätlese 1998
Helles Gelb. Die Lage punktet in jungen Jahren mit Aromen tropischer Früchte. Mit knapp zwanzig Jahren Reife: frisch, vital, würzig, saftig dabei. Von Restzucker und Säure fantastisch über die Jahre getragen. Sehr gut erhalten. Rating 8/12
Parade-Lage vom Mittelrhein-Platzhirsch in Best-Zustand.


Weingut Helmut Mades, Bacharach-Steeg (VDP)

Steeger St. Jost Riesling Auslese 1983
Regelmäßige wineroom-Besucher wissen es: 2005 hat er seinen letzten Jahrgang in die Keller gebracht. Seitdem genießt Helmut Mades die Rente. Und bis heute das Ansehen seiner Kollegen für die Langlebigkeit seiner Weine. Diese Auslese zeigt, warum. Restzucker bei etwa 50 bis 60 gr. Über dreißig Jahre alt – und kein bisschen verbraucht. Die Nase reif, aber ohne jedes Petrol. Kräuterblumen, eine ganze Wiese davon. Im Mund saftige Süße, gut balanciert, filigrane Säure. Großartig! Rating 8/12
Eleganter alter Herr, in Würde gereift und dabei bis heute auf Top-Niveau.


 

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