Dão – das (immer noch) unentdeckte Weinland

by | 26. Mrz 2020

Die größten Überraschungen in Sachen Wein bietet für mich seit vielen Jahren das kleine nordportugiesische Dão.

Zerklüftet und ziemlich hügelig liegt es romantisch eingebettet westlich des Torre, dem höchsten Berg Portugals.

In den letzten zwei Dekaden proklamierten vielfach Weinfachleute immer wieder dessen unweigerlichen Aufstieg. „Nun geht es endlich voran“, hieß es.

„Jetzt bricht die Dão Zeit an. Portugiesische autochthone Trauben erfahren eine Renaissance und erobern Europas Weinwelt. Die Zeit ist reif für die Weingeheimnisse Portugals.“ Et cetera, et cetera …

Und was ist seitdem passiert?

Sommelier und Weinjournalist Ed Richter.
Schreibt auf wineroom.de regelmäßig über die große Welt der großen Weine.

Handwerkliche, eigenständige Klasseweine

Ehrlich gesagt, nicht gar so viel. Außer echten Weinfuzzis ist dieses enorm spannende Fleckchen Weinerde mit über 250 autochthonen Traubensorten kaum jemanden bekannt.

An der Qualität der produzierten Rebensäfte kann es eindeutig nicht liegen.

Auf den hier vorherrschenden Granitböden werden handwerklich blitzsaubere und vor allen Dingen zum Teil sehr eigenständige Klasseweine produziert!

Vielleicht ist das Problem ja die schwer zu artikulierende Sprache? Die jahrzehntelange Diktatur Salazars und die damit verbundenen grausigen, staatlich verordneten Genossenschaftsweine?

Oder die geographisch weite Entfernung zu Deutschland? Könnte aber auch am falschen Marketing liegen – stetiges Exportieren der besten Weine nach Brasilien, Kanada und Angola. Das Nichtvorhandensein von marmeladiger, massentauglicher Brühe wie Primitivo, Shiraz oder White Zinfandel?

Oder sind die portugiesischen Weine ganz einfach zu teuer im Vergleich zu ihren großen Nachbarn und Konkurrenten in Spanien?

Wahrscheinlich von allem etwas.

Ich, für meinen Teil, werde immer wieder aufs Neue von den eigenständigen Weißen sowie den würzigen Roten positiv überrascht. Deshalb freue ich mich nach ein paar Jahren erneut ins Dão zu reisen, um etliche Winzer besuchen zu können und deren Entwicklung zu schmecken.

Denn es gibt etwas Neues zu berichten!

Den Start eines frischen Versuches Portugal und im Besonderen das Dão ins Gespräch zu bringen: In den letzten fünf Jahren haben sich nämlich die einheimischen Weingrößen und Marketing-Spezialisten zusätzlich auf ein neues Tool, einer Art Geheimwaffe konzentriert. Der edle und lokale Encruzado – der große Weißwein des Dão – er muss es jetzt schaffen; im wahrsten Sinne soll er frisches Leben und ein neues Geschmacksprofil aus der Region der Welt vermitteln.

Und tatsächlich weiß die seit über 150 Jahren bekannte Rebsorte vielfältig zu gefallen: ein geschmacklich charaktervolles Mosaik, das mich an Weißburgunder, Vermentino oder teilweise auch an Riesling erinnert. Ausgebaut wird Encruzado in allen bekannten Formen. Selbst nach 10 Jahren Reife macht er eine gute Performance im Glas.

Ein gutes Beispiel dafür ist der 2010er Encruzado vom „Vorzeige-Primus“ Winzer Alvaro Castro. Ein echtes Meisterwerk aus körperlicher Präsenz und mineralischem Nachhall. Aber auch der frische 2018er der Quinta do Perdigão ist ein super komplexer Stoff, den es leider nur in 4300 Flaschen gibt.

Charaktervolles Geschmacks-Mosaik: Encruzado

Besser als viele High-Class-Label-Weine

Der schrägste Weinbauer, aber auch der kompromissloseste unter den Newcomern der Region ist eindeutig Antonio Madeira. Der geniale Halbfranzose steht nur auf authentische „Hardcore Bioweine“.

Er suchte nur uralte Rebstöcke, pachtete diese klitzekleinen Weinberge um aus ihnen ein paar tausend Flaschen Wein zu zaubern. Sehr unkonventionelle, super rare, traditionell handgemachte Sensationen, die ihresgleichen suchen. Und klar, günstig kann so etwas natürlich nicht sein!

Im unteren Preissegment sind die Portugiesen, meiner Meinung nach, eh nicht wirklich konkurrenzfähig. Aber alles, was zwischen 15 und 50 Euro angeboten wird, ist absolute Weltspitze und würde in einer Blindprobe viele „High Class Label Gewächse“ deutlich hinter sich lassen!

So wie zum Beispiel der 2015er Soito Reserva, der mich so richtig flashte! Ein Wein wie eine Granate am Gaumen. Aromatisch explosiv und höchst emotional nach nur einem Schluck. Es ist die größte aller Überraschungen für mich bei dieser Dão Reise.

Die besten und interessantesten Weine in der Breite und Tiefe sind eindeutig die von Weinmacher Paulo Nunes, dem Önologen der Casa da Passarella. Komplexe Ausbaumethoden, verschiedene Reifestadien, exotisches Geschmacksprofil – experimentelle und spannungsgeladene Weine mit sauberer Stilistik.

Paulo ist ein Magier mit Visionen und Ideen! Das beste Beispiel ist der rote O Oenólogo – ein virtuoses Elixier aus 24 verschiedenen Rebsorten (auch ein paar Weiße dabei) von über 80 Jahre alten Rebstöcken für unter 20 Euro. Eine pure Sensation! Er überrascht die Weintrinker ohne diese zu überfordern.

Das traditionelle Weingut liegt perfekt eingebettet auf über 700 Metern, dem höchsten und damit kühlsten Plateau in Sichtweite der Bergkette Serra da Estrela. Die große alte Villa mit wunderschönem Garten nebenan wird gerade zum Hotel umgebaut. Dann wird das hier wirklich traumhaft schön, im allerbesten Sinne ein „Hidden Paradise“.

Ein Magier mit Visionen und Ideen

Befeuert der Eukalyptus die Brände?

Alles andere als paradiesisch sind die riesigen Probleme mit den jährlichen Buschbränden in der Dão Region. 2017 brannte, in dieser doch sehr hügeligen und grünen Gegend, gefühlt einfach alles.

Verheerend raffte das dramatische Feuer etliche Weinberge dahin und knapp 100 Menschen verloren dabei ihr Leben.

Viele Stimmen geben der ansässigen Papierindustrie die Schuld, da diese massenhaft schnell wachsende Eukalyptusbäume pflanzte, die sich quasi durch die vielen ätherischen Öle selbst entflammen.

Anderseits schafft diese Industrie auch Arbeitsplätze, denn in diesem Landstrich, welcher nach dem gleichnamigen Fluss Dão benannt ist, ist wirklich nicht viel los.

Es gibt keine großen Städte, keine Attraktionen oder gar moderne Industrie. Die Menschen leben von der Landwirtschaft, Wein und ein wenig Tourismus. Irgendwie fühlt man sich hier wie im östlichsten Osten von Deutschland, sozusagen weit weg von allem und am „Ende der Welt“.

Wer aber Ruhe sucht, Wandern möchte, dazu traditionelle Küche und erstklassige Weine genießen will, ist hier definitiv goldrichtig. Gibt es doch selten so viel Natur und seelische Erholung zu einem reell, ökonomischen Preis. Wo im Westen gibt es so etwas noch?

Ein europäisches Entdeckerland weit weg von touristisch, ausgelatschten Kommerz-Pfaden, welches dann auch endlich den „Wein-Winterschlaf“ beenden und von uns wach geküsst werden sollte!

Traditionelle Küche und erstklassige Weine

Meine Geheimtipps für Dão-Weine

Casa da Passarella
2015 O Oenólogo Encruzado Dão DOP

Hier riecht und schmeckt man den Granitboden. Eine feine Rauchigkeit gepaart mit leicht phenolischen Noten der Maischestandzeit und den großen Tonneaux Fässern. Aber auch die Frucht kommt nicht zu kurz: Pfirsich, Passionsfrucht und Physalis sind vorherrschend.

Ein Wein, der zwischen salzig, apfeligem Riesling und zart mineralischem Chardonnay tänzelt. Potenzial glatt für mindesten 10 Jahre.

Einmal verkostet vergisst man ihn nicht mehr. Perfekt für die portugiesische Fischküche oder einfach nur so zur spannenden Erfrischung. Der magische Weinmacher Paulo Nunes hängt die Encruzado Latte mit diesem Weißen für alle ziemlich hoch!

Quinta da Teixuga
2015 Caminhos Cruzados Passado Reserva Dão DOP

Ein relativ neues Familienunternehmen. Übersetzt: Kreuzung oder wo Wege sich kreuzen. Erst seit 2012 am Start. Dennoch schon die Auszeichnung für “Best New Wine Producer 2015” by Revista de Vinhos, eines portugiesischen Weinmagazins.

Dieser Weißwein war 31 Monate in neuen französischen Barriques! Deshalb auch die oxidativen Noten, die deutlich an guten Sherry erinnert. Typisch sind Herbstlaub, getrocknete Früchte und nussige Aromen zu riechen und zu schmecken.

Er ist weich, ziemlich trocken und hat gute Länge. Da zeigt sich wozu der weiße Encruzado fähig ist. Ein sonderbarer Wein, der mit Sicherheit die Verkoster irritiert und spaltet. Aber spannend auf jeden Fall.

Boas Quintas
2016 Opta Grande Reserva Tinto Dão DOP

Ein mächtiger Wein der mit seinen minzigen, ätherischen Eukalyptus und Lorbeer Noten den Verkoster vollkommen beeindruckt!

Die uralten Rebstöcke im exponierten Weinberg werden von einem Eukalyptuswald umzingelt. Die Cuvée aus Touriga Nacional, Alfrocheiro und Tinta Roriz geben eine Komplexität, die typisch und dennoch sehr eigenständig ist. In einigen Jahren wird dieser Top Wein des Weingutes Boas Quintas noch besser und stimmiger werden!

Wie habe ich mir bei der Verkostung notiert: wird mal ein großer Schauspieler! Einfach einzigartig. Super Drama in the glass!

Casa da Passarella
2015 Abanico Reserva Tinto Dão DOP

Der Abanico ist eine Cuvée aus den drei wichtigsten roten Rebsorten des Dão: Touriga Nacional, Alfrocheiro und Jaen. Der Aufwand, Ertrag und Preis steht in keinem Verhältnis dieses perfekt balancierten Weines, der auch noch Zeit in gebrauchten Barriques verbringen durfte.

In den Verkauf kommt der Abanico erst nach 3-4 Jahren! Er hat alles was ein großer Wein haben sollte: Tiefe, Körper, Saftigkeit, Trinkfluss mit lebendiger Frische und Komplexität im Nachhall.

Der finessenreiche Abanico ist ein echter Geheimtipp und lässt sich noch weiter 5-8 Jahre lagern. Exzellenter Genusswein für wenig Geld!

Quinta de Cabriz, Global Wines
2015 Espumante Cabriz Bruto DOP

Ein echter Preisschlager! Für deutlich unter 10 Euro ein absoluter Weltklasse-Alltags-Schaumwein in der Flasche vergoren.

Aus den Rebsorten Encruzado 40%, Bical 40% und Malvasia-Fina 20% macht der bekannte Önologe Osvaldo Amado für dieses Weinunternehmen und echten Big Player in Portugal eine konkurrenzlosen Schäumer.

Mit nur 5 Gramm Restzucker kann er super als Aperitif glänzen oder auch mit klassischen Vorspeisen gut performen.

Pedra Cancela
Bruto Vinho Espumante de Qualidade DÃO DOP

Gehört zur Weingruppe Lusovini, die fast überall in Portugal gute Weingüter betreiben. Gut gemachter und bezahlbarer Edelschäumer, natürlich aus Encruzado und ein wenig Cerceal Branco.

Die zweite Gährung hat 15 Monate in der Flasche verbracht. Easy drinking, aber mit Genießer Anspruch und mit nur 6 Gramm Dosage auch für die Gastronomie eine schöne Essensbegleiter Alternative.

Mineralische Rauchigkeit da die Trauben auf Granit Boden wachsen. Es werden nur 5000 Flaschen produziert. Absolut auf Augenhöhe mit guten Crémants aus Frankreich.

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Ed Richter
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