Balthasar Ress Pinot Blanc 2012

von | Orange, Tasting, White | 1 Kommentar

Was gab’s ins Glas?
Balthasar Ress Pinot Blanc 2012 trocken, Rheingauer Landwein, 14,5 % vol.

Wer steckt dahinter?
Weingut Balthasar Ress, Rheinallee 7, 65347 Eltville-Hattenheim, Rheingau, Deutschland, www.balthasar-ress.de

Welche Ausstattung?
Burgunderflasche mit Schraubverschluss.

Was ist interessant zu wissen?
Ein “Landwein” ist im deutschen Weinsystem die zweitniedrigste Qualitätsstufe. Da drunter dümpelt nur noch der “Tafelwein”. Vom Klassement her bewegen wir uns also auf Knöchel-Niveau: in den untersten Fächern der Supermarktregale, irgendwo zwischen Zwei-Liter-Geschossen und Tetra-Kartonagen.

Der Fachhandel stellt diesen Landwein aber ganz oben ins Regal, zu den hochklassigen Gewächsen. Auch der Preis ist mit 25 Euro pro Buddel nicht gerade unterste Schublade. Und beim Hersteller handelt es sich um ein alteingesessenes Weingut, das Mitglied im VDP ist, dem selbsternannten Elite-Club der deutschen Weinwirtschaft.

Zweitniedrigste Qualitätsstufe? Von einem Top-Erzeuger? Zum Preis von 25 Euro? Wie passt das zusammen! Was ist da passiert? Um es vorwegzunehmen, mit den Worten des Weinmachers: “Nichts, überhaupt nichts” ist da passiert.

Was sagen andere dazu?
“Von zehn Jahren, in denen ich diesen Wein mache, bringe ich ihn sieben Mal wieder zurück in den Weinberg”, sagt Dirk Würtz, Betriebsleiter bei Balthasar Ress und Macher des Pinot Blanc, bei einer Probe im Frühsommer 2015.

Wo gibt’s die Buddeln?
Zu beziehen zum Beispiel im TVino Weinladen, Paul-Roosen-Str. 29, 22767 Hamburg-St. Pauli oder auch im Onlineshop.

Was kostet der Spaß?
Liegt ziemlich genau bei 25 Euros.

Wie ist er denn nun?
Bronzeton. Deutliche Sherrynase. Im Blindtest tippten Experten: mindestens zehn Jahre alt, der Wein, eher fünfzehn. Kein Wunder, diese Einschätzung: vollständig durchoxidiert. Der Vorteil: Wenn die Flasche einmal auf ist, kann sie tagelang stehenbleiben, ohne sich großartig zu verändern.

Ausgeprägte Säure. Nussig. Durchaus weihnachtlich. Aber Weißburgunder? Oder Rheingau? Nö. Will der Wein aber auch gar nicht. Und deshalb wurde er wohl gar nicht erst eingereicht zur amtlichen Qualitäts-Weinprüfung. Wäre eh nur abgestraft worden. Das absehbare Urteil der amtlichen Prüfer kann man sich sparen. Erst recht, wenn man ein erfahrener Weinmacher ist wie Dirk Würtz. Deshalb keine Prädikatsbezeichnung auf dem Etikett. Sondern die selbstgewählte Herabstufung zum Landwein.

Aber um Rebsorten-Typizität geht es hier gar nicht. Auch nicht um Regional-Typizität. Nicht mal um die Handschrift des Winzers. Denn was sagte Weinmacher Würtz auf die Frage, was er mit dem Wein gemacht habe? “Nichts, überhaupt nichts habe ich damit gemacht.”

Das gehört natürlich in den Bereich der Winzer-Lyrik: hört man gerne – stimmt aber nicht die Bohne. Hätte der Weinmacher tatsächlich gar nichts gemacht, die Trauben wären am Stock geblieben und das Fass ebenso leer wie die Flaschen. Denn selbstverständlich ist jede Entscheidung, etwas ganz Bestimmtes zu machen, oder eben gerade nicht zu machen, Teil des Machens. Das weiß natürlich auch der Weinmacher.

Deshalb wollen wir hier mal nicht päpstlicher werden als der Weinpapst. Und annehmen, was mit “nichts machen” vermutlich gemeint war. Nämlich auf alle Segnungen moderner Kellertechnik zu verzichten – vom Nirostakübel bis zur Schönungskur. Und statt dessen den Saft nach Kelter und Mazeration sich selbst zu überlassen. Aber sicher unter dem prüfenden Auge des Machers.

Diese Mach-Art (sic!) läuft unter dem trendigen Label “Orangewein” oder “Naturwein”. Erstaunlich, dass ein Haus, das jedes Jahr viele zehntausend Flaschen stilistisch sauberer Weine (und dann natürlich mit amtlichem Prüf-Prädikat) auf den Markt schiebt, in solch einer Nische operiert. Ein Experiment. Jedes Jahr aufs Neue. Und allein das ist lobenswert: wenn es in ökonomisch arbeitenden Unternehmen den Freiraum für solche Experimente gibt.

Ob das Experiment 2012 geglückt ist? Ich habe Menschen getroffen, die hin und weg waren von diesem Wein. Und ich habe ebenso viele getroffen, die ihn in Bausch und Bogen ablehnten. Ein Wein, der auf jeden Fall provoziert, der extrem polarisiert. Diskussionsstoff in Flaschen. Fest steht nur: Kalt lässt er keinen. “You either love it or hate it.”

Wenn Sie einen langweiligen Abend mal aufpeppen wollen, mit kontroversen Diskussionen, an denen wirklich alle teilnehmen: diesen Pinot Blanc auf den Tisch. Wird ein Abend, den Sie so schnell nicht vergessen.

Aus welchen Gläsern wurde probiert?
Unter anderem aus Zalto Denk’Art Universalglas.

Wer hat’s probiert?
Der Schreibende und zahlreiche andere bei verschiedenen Anlässen.

Ist dieser Beitrag gewerblich gesponsert?
Nein.

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Edgar Wilkening

Head of wineroom.de bei wineroom.de
Im Hauptberuf vielfach ausgezeichneter Strategieentwickler und Kampagnenberater. Kopf des legendären Pop-up-Restaurants "Die 7 Sünden", der Weinbar Rieslingrepublik und vielem mehr.

Dem Thema Wein seit Jahren verbunden als Geprüfter Agraffenlöser & Diplom-Korkenzieher (WR) sowie Anerkannter Berater für Deutschen Wein (DWI). Erste bewusste Flasche: fränkischer Bocksbeutel aus dem elterlichen Keller – vermutlich Müller-Thurgau. Ist so was womöglich prägend ...?
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