Jura – Exot im eigenen Land, umso mehr bei uns

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Ein Abend ganz nach dem Geschmack von Juristen und Anwälten: nix als Jura aufm Tisch! Sorry – musste sein, der Kalauer. Viel zu selten Gelegenheit, den anzubringen. Denn die Weine aus dem französischen Weinbaugebiet Jura kommen einfach viel zu selten auf den Tisch. Selbst im Heimatland Frankreich genießen Jura-Weine praktisch Exotenstatus.

Der Grund ist ganz einfach: Das Jura hat (laut Wikipedia) eine bestockte Rebfläche von gerade mal irgendwas um die 2.000 Hektar. Bei einer Gesamt-Rebfläche von etwa 870.000 Hektar (ebenfalls Wikipedia) stellt das Jura also weniger als 0,25 Prozent der französischen Rebfläche. Entsprechend selten sind die Weine. Entsprechend begehrt. Und entsprechend spannend, wenn sie gebündelt in einer Verkostungsreihe ins Glas kommen.

Den Rahmen stellt eine Runde Hamburger Experten, allesamt der Weinbranche professionell verbunden. Die Spielregeln: jeder Teilnehmer steuert eine Flasche passend zum Thema bei. Zufallsprinzip also, was am Ende auf dem Tisch steht, vom Organisator der Runde lediglich in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht.

Was da beim Thema Jura zusammenkommt, durchschreitet alle Höhen und Tiefen: von Weinhimmel auf Erden bis in die tiefsten Abgründe. Das Line-up in der Reihenfolge des Erscheinens – wir beginnen auf zwölf Uhr im Bild oben und dann im Uhrzeigersinn weiter.


Domaine Pignier Crémant du Jura Brut Blanc „L ‚Autre“

Chardonnay. Biodynamischer Anbau, Demeter. Spontanvergoren, ungeschwefelt, ohne Dosage. Helles Gelb. Die Nase kombiniert mürben Apfel und nussige Töne. Einladend. Frisch im Mund, sehr sauber, knackig, guten Zug. Spritziger Trinkspaß. Wenn das „der Andere ist“, wieviel Spaß macht dann wohl der Andere vom Anderen? (Um die 16 Euro.)


Domaine de l’Octavin Alice Bouvot et Charles Dagand „Corvée de Trou-Trou“

Trousseau. Ohne Jahrgangsangabe auf dem Etikett, vermutlich 2013. Biodynamisch angebaut, Demeter. Spontan, ungefiltert, ungeschönt, 9 % vol. Alkohol. Domaine de l’Octavin gilt als eines der krassesten Naturweingüter. Das erklärt, was da ins Glas fließt: kompottig-trübes Braun. Synchrones „Oha!“ am Tisch. Der Wein soll mal rosa gewesen sein. Vermutlich überlagert.

Die Nase deutlich medizinal, kräutrig, nach Apotheke und chinesischen Heilmitteln, weihnachtliche Gewürze. Sehr speziell, aber nicht unangenehm. Leichter Anflug von Sauerkraut. Im Mund Herbe, Hagebutte, Schinkenbrot. Nur wenig am Gaumen von dem, was die Nase verspricht. Extrem kontroverser Stoff. Und ganz klar: Dieser Wein macht’s einem leicht, ihn in Bausch und Bogen abzulehnen – wird ihm aber nicht gerecht. (Um  die 23 Euro.)


Domaine de l’Octavin Alice Bouvot et Charles Dagand „Chez Jean-Marc“

Gamay. Ebenfalls ohne Jahrgang auf dem Etikett, vermutlich 2014. Spontan, ungefiltert, ungeschönt, 12 % vol. Alkohol. Grünliche Nase, kräutrig, erdig, süßlich morbide. Das Wort Rindensaft fällt. Etwas flüchtige Säure. Steht ziemlich nebeneinander, als er etwas zu warm ins Glas kommt. Scharfe, fast kratzige Säure. Fruchtaromen kurz, dann bleiben Säure und Gerbstoffe im Mund zurück. Forderndes Zeug. Gekühlt fügt es sich besser zusammen, wirkt strukturierter im Mund, bleibt aber fordernd. Gilt in Skandinavien als Geheimtipp in der Sommelier-Avantgarde. (Um die 26 Euro.)


Raphaël Monnier „Le Ratapoil“ 2014

Gemischter Satz aus autochthonen Rebsorten des Jura. Bio-Anbau. 11 % vol. Stallton und Pferdeschweiß in der Nase. Eine Spur flüchtiger Alkohol. Im Mund stahlig, stumpf wirkend. Sehr einfach am Gaumen. Wenig Struktur, wenig Länge. „Als Zechwein zum Wurstbrot“, heißt es am Tisch. Dafür vielleicht etwas teuer. (Um die 26 Euro.)


Domaine Labet Fleur de Savagnin „En Chalasse“ 2014

Savagnin. Aus 2003 angepflanzten Anlagen. Lehmboden und Kalkmergel. Bio. Nur 6 mg/l Schwefelzugabe, 12,4 % vol. In der Nase reif: Nüsse, Birne, Wachs. Champignoncremesuppe, sagt jemand. Kräftig am Gaumen, breite Schultern, Schmelz, Birne. Dabei sehr frisch, fordernde Säure, zitrisch, spritzig. Mineralisch, salzig. Nicht eben elegant, aber ausdrucksstark. Guter Wein, griffig, trinkig, mit nachhallendem Säurespiel. Interessant: Den gleichen Wein produziert produziert Domaine Labet auch noch als komplett ungeschwefelte Variante.


François Rousset-Martin „Cuvée du Professeur Sous Roche“ 2014

Savagnin. 30 Jahre alte Reben. Cuvée aus drei verschiedenen Lagen. Spontan, ungeschönt, ungefiltert. 12 % vol. Kartoffelacker, Waldhonig, Sherry in der Nase. Super ausgewogen am Gaumen, breitschultrig, dabei komplex, fordernd, präsente Säure. Fast dickflüssige Textur. Bemerkenswert viel Aroma, Komplexität und Länge bei derart schmalem Alkohol. „Zum Reinlegen“, sagt jemand. Gute Arbeit, Herr Professor. (Um die 36 Euro.)


Benoît Mulin Savagnin Arbois 2011

Savagnin. Flasche erwies sich leider als fehlerhaft. Unabhängig davon war die Qualität des Weines spürbar. Goldgelb im Glas. Sherry, Jod, Rauch steigen in die Nase. Mineralität, gelbe Frucht, Nussigkeit im Mund. (Um die 25 Euro.)


La Cave de la Reine Jeanne Chardonnay 2011

Kooperationsprojekt von Benoît Mulin mit Stéphane Tissot. Chardonnay. Bio. 12,5 % vol. Curry in der Nase, Minze, präsentes Holz mit angenehmem, sattem Toast. Einladende, große Nase. Im Mund üppig ohne breit zu werden. extrem süffig, dabei komplex, große Länge, herrlicher Spannungsbogen. Fett und gleichzeitig elegant, tolle Kombination. Die ersten am Tisch spielen mit dem Gedanken, sich zurückzuziehen mit der Flasche und andächtig zu genießen. Kann man verstehen. Großer Wein. (Um die 23 Euro.)


Domaine André et Mireille Tissot, Bénédicte & Stéphane Tissot „Les Graviers“ 2010

Größter Erzeuger im Jura. Chardonnay. Kalkboden. Bio. 13,5 % vol. Fantastischer Wein. Vollkommen ausgewogen, harmonisch, rund. Alle Komponenten fein ausbalanciert. Dicht gewoben, cremige Textur. Komplexität, Volumen, Länge – sehr, sehr gut. „Versuch so was mal im Burgund zu ’nem annehmbaren Preis zu kriegen“, bemerkt jemand am Tisch. Stille. Definitiv bester Wein des Abends. (Um die 39 Euro.)


Anne et Jean-François Ganevat „Le Zaune à Dédée“

Savagnin und Gewürztraminer. Ohne Jahrgangsangabe auf dem Etikett, vermutlich 2013. 12,5 % vol. Auf der Schale vergoren, spontan. Medizinische Nase, aber angenehm, kräutrig, ätherisch. „Sanostol“ fällt am Tisch, nach Eisen und Jod. Auch Hopfen, Harz, gedörrte Früchte. Herrliche Schnüffelnase. Im Mund gelbe Früchte, Pfirsich, ebenfalls kräutrig, spürbare Säure. Außergewöhnlicher Wein. Sicher nicht jedermanns Sache. Aber vollkommen rund in seiner Machart. Was würde man dazu essen? Tajine mit Lamm und Pfirsich zum Beispiel. Gutes Pairing. (Um die 30 Euro.)


 

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Edgar Wilkening
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