Der ambitionierte Schmeichler – Soave Classico

von | Celebrating, Report

Oh, wie schön ist dieses Fleckchen Erde! Umgeben von einer riesigen, mittelalterlichen Mauer schläft das Städtchen Soave inmitten grüner, saftiger Vulkankegel.

Nur einmal im Jahr wacht es auf. Dann fallen internationale Weinfachleute hier ein wie einst König Alboin im 6. Jahrhundert, nur diesmal friedlich, zur Preview Soave, um den neuen Jahrgang zu verkosten und zu bewerten. Italien-Experte Ed Richter war dabei.

Sommelier Ed Richter
Soave Classico Old Town and historical Walls of Soave

Süß, zart, lieblich – oder doch eher schwäbisch?

Historiker gehen davon aus, dass die germanischen Schwaben (lateinisch: suaves) Namensgeber für diese Region waren. Die Winzer allerdings erzählen gern, dass der Name aus dem Italienischen kommt und soviel wie “süß” oder “lieblich” oder “zart” heißt. Eben so, wie der Soave hier schmeckt.

Schon in antiker römischer Zeit wurde hier erfolgreich Wein angebaut und über die damaligen Grenzen hinaus geschätzt. Poetisch sprach Cassiodor, der Minister des ostgotischen Königs Theoderich des Großen, über Soave von “schönem Weiß und klarer Reinheit, so sehr dass man glauben könnte, es sei von einer Lilie geboren worden.”

Im Jahre 1931 erhielt der Soave als einer der ersten italienischen Weine offiziell die Anerkennung “Typischer und Edler Wein”, mit genauer Defination des Anbaugebietes. Bereits 1968 bekam er den DOC Status verliehen. Genau dreißig Jahre später wurde dem süßen Recioto di Soave und 2001 dann dem Soave Superiore sogar die DOCG Ehre zugesprochen.

 

Soave? Steht das nicht im Supermarkt? Im untersten Regal?

Ungebrochen ist seitdem der weltweite Erfolg des vielseitigen weißen Schmeichlers. Immerhin werden über 80 Prozent der 55 Millionen Flaschen in 70 Länder der Welt exportiert.

Ja klar, die unbelehrbaren Etikettentrinker werden jetzt losschreien und behaupten: Soave ist belangloses Zeug und hat keine Grand Cru Qualität. Dass solche Weine in den Supermarkt gehören, oder als Zechwein in irgendwelchen Kneipen über den Tresen gehen sollten.

Klischees haben bekanntlich ein langes Leben und Halbwissen sowieso. Denn diese Experten haben scheinbar noch nie die gereiften Schätze von Gini oder Inama probieren dürfen. Also, bitte alle Vorurteile über Bord werfen und dann: Neustart.

Soave Classico Bottle Gini
Soave Classico

Terroir at it’s best für die Königin Garganega

Hier in Venetien, gute 30 Kilometer östlich von Verona, am Fuße der Monti Lessini Gebirgskette, verteilt sich über 7.000 Hektar die Soave-Welt. Auf wunderbar hügeligem Terrain, mit diesem kargen Vulkanboden, muss doch wohl ein feiner Wein wachsen, würde man denken.

Ja sicher, zum großen Teil schon, hatte doch der Soave-Wein parallel ein ähnliches Schicksal erfahren wie der deutsche Riesling nach dem Krieg: Masse statt Klasse. Bekannt und konsumiert als Literschoppen in Supermärkten und als günstiger “Vino di Casa” beim einfachen Italiener um die Ecke, fristete er bei uns ein bescheidenes Dasein.

Aus diesem Schatten ist er längst entsprungen. Mittlerweile gibt es großartige Qualitäten des Vulkanweines. Die unangefochtene Königin im Reich des Soave ist ohne Frage die weiße Rebsorte Garganega. Sie muss mindestens 70 % Anteil im Soave DOC aufweisen.

In Pergola-Erziehungsform ergibt sie in den höheren, sogenannten „Cru Lagen“ hervorragende Ergebnisse. Die besten von ihnen reichen bis knapp 400 Meter hoch. Warme, sonnenreiche Tage und die wichtigen kühlen Nächte sind hier alltäglich.

Dichte, goldgelbe Weine mit deutlich mineralischen Noten

Der Boden ist geprägt von verschiedenfarbigem Basalt, Tuffstein und anderen vulkanischen Mineralien. Daneben gibt es auch rötliches, eisenhaltiges Gestein mit Einschlüssen von Mangan und Zink. Abseits vom Vulkan dominiert kalkhaltiger Untergrund.

Anders gesagt: Mineralität ist hier Programm. Ehrlich gesagt, braucht der Soave das auch, denn die geringe Säure und Intensität würde ihn ansonsten relativ belanglos schmecken lassen.

Gut selektionierte und sorgfältig ausgebaute Garganega ergeben dichte, goldgelbe Weine mit deutlich mineralischen Noten und feinem, herb bitteren Touch. Diese Weine machen viel Spaß und sind zudem auch noch über viele Jahre in der Flasche gut in Form.

Erstaunlich aber auch die vielen grasigen und flachen Tröpfchen aus der gleichen Rebsorte und gleichem Jahrgang, die angeboten werden – auch wieder vergleichbar mit unserem heimischen Riesling.

Soave Classico Building
Opening a bottle of Soave Classico

Was sind die Highlights des Jahrgang 2017?

2018 haben die Winzer über den schwierigen und zu warmen 2017er geklagt. Unisono aber wurde der Jahrgang 2016 beklatscht. „Warum?”, frage ich mich. Auch vor zwei Jahren war ich an gleicher Stelle und habe die Weine verkostet. Auch da gab es tolle und weniger gute Momente mit klassischen und modernen Soave, aber auch unverständlich laue, maue Weinchen im Glas.

Für mich gibt es in der gesamten Qualitätspalette 2016 und 2017 keine nennenswerte Steigerung oder Gefälle zu erschmecken. Im speziellen bei den renommierten Häusern, die sowieso ertragsreduziert arbeiten und per se gute Qualität in die Flaschen füllen.

Von den Einstiegsweinen bis hin zu den Premiumtropfen aus den steilen Einzellagen sind unter anderem folgende Namen zu nennen: Inama, Filippi, Coffele, Suavia, Gini, Montetondo, Stefanini, Pieropan, Giacobbe und Adami. Meine zehn Besten, der über 80 blind verkosteten Weine bei der „Preview Soave“ habe ich hier aufgelistet.

Meine 10 Besten des Jahrgangs 2017

Basis der Verkostungsnotizen: mehr als 80 blind verkostete Weine bei der “Preview Soave”


Giacobbe – Soave DOC „Corte Giacobbe“

Ausschließlich Garganega, nur Stahltank. Sauber, geradlinige Nase. Duftet nach Orangen, Jasmin und Kamille. Leicht ätherisch nach Rosmarin. Am Gaumen ausgewogen und samtig weich mit Anklängen von reifen Melonen, Mirabellen und grünen Birnen. Im Nachhall zitrisch frisch, lebendige Säure. Animiert zum zweiten Schluck. Repräsentiert einen wirklich guten Soave.


Gianni Tessari – Soave DOC „I Prandi“

Garganega 75 %, Trebbiano di Soave 25 %. Vielschichtig, kräuterige Nase nach Fenchel, Anis und Thymian. Super saftig am Gaumen. Frischer Pfirsich, Stachelbeere und gelber Apfel sind deutlich zu schmecken. „Easy drinking“ mit Anspruch und Komplexität. Lediglich der Nachhall kommt etwas zu kurz bei diesem Wein.


Fattori – Soave DOC „Danieli“

Garganega 100 %. Strohgelb im Glas. Verströmt fein blumige Düfte nach Rosen, Jasmin und Salbei. Weißer Holunder, gelber Apfel und Mirabellen-Kompott dominieren die Fruchtnoten am Gaumen. Leicht nussig mit wachsigem Honig im Abgang. Erstaunlich gut gereift und balanciert jetzt schon. Geschuldet unter anderem der besonders späten Lese eines kleinen Teiles der Trauben.


Montetondo – Soave DOC Classico

Garganega 100 %. Gewachsen auf kalkhaltigem Boden. Regionaltypische und solide Machart. Zwölf Stunden Mazeration, vergoren bei 18 – 20 Grad Celsius. Ausbau nur im Stahltank. Florale Nase mit exotischen Anklängen von Mango und Papaya. Weicher, zarter Körper mit feiner Säure. Gut balanciert mit feiner Mandel-Bitteraromatik im mittellangen Nachhall. Guter Vorzeige-Soave.


I Stefanini – Soave Superiore DOCG Classico „Monte di Fice“

Ausschließlich Garganega, von über 30 Jahre alten Reben. Diese Cru-Lage befindet sich auf 150 m Höhe und weist vulkanischen, schwarzen Tuffsteinboden auf. Bis zur Abfüllung wird der Wein auf der Hefe belassen. Farbe: helles Goldgelb mit grünlichen Reflexen.
 Bouquet: intensive fruchtige Noten von Pfirsich, Weißdorn, Banane und getrockneten Aprikosen. Deutlich mineralisch, steinige Anklänge mit einem Hauch Graphit. Ein komplexer und fein justierter Körper rundet das Geschmacksbild ab. Ein Erlebniswein.


Gini – Soave DOC Classico

100 % Garganega – „in Purezza“, wie die Italiener sagen. Kontrollierter biologischer Anbau auf vulkanischem, kalkhaltigem Felsen. Durchschnittsalter der auf Pergola gezogenen Reben ist 70 Jahre. Spätlese im Oktober. Sattes Strohgelb mit silbrigem Rand. Er duftet intensiv nach weißen Blüten. Weiter geht’s mit getrockneten Kräuter, Eukalyptus und Lindenblüten. Man nimmt weißen Pfirsich, Apfel, Mango und einen Hauch Zimt im Mund wahr. Der Körper ist sehr harmonisch, nicht zu fett, mit feiner Stoffigkeit. Tolle Qualität und gute Länge.


Coffele – Soave DOC Classico „Cá Visco“

Garganega 75 %, Trebbiano di Soave 25 %. Steht in exponierter Lage auf den Vukanhügeln hoch über der Stadt Soave. Fermentiert im Stahltank bei unter 18 Grad Celsius. Im Glas leuchtendes Goldgelb. Er riecht nach Sommerwiese. Geschmacklich erinnert er an frische Pampelmuse, Holunder, weißer Weinbergpfirsich und grüne Birne. Ein fülliger Wein mit mineralisch salzigem Touch. Süffig, trinkiger Soave mit Anspruch.


Cantina del Castello – Soave DOC Classico

90 % Garganega, 10 % Trebbiano di Soave. Kommt aus den 250 Meter hoch gelegenen Weinbergen zwischen Monteforte d’Alpone und Brognoligo. Sattes Strohgelb. Blumiges Bukett in der Nase, Heu- und Akazienduft. Reifer Apfel, Papaya und Banane am Gaumen. Typische Süße in der Körpermitte mündet im Finale zu merklich feinen Tanninen. Ein voller und komplexer Wein mit bittersüßem Spiel.


Cà Rugate – Soave DOC Classico „San Michele“

100 % Garganega. Steht auf hellem Basaltgestein. Strohgelbe Farbe. Interessante Nase, er riecht sommerlich nach Kamille, Akazie, Kornblume, helle Veilchen und Iris. Angenehm cremig am Gaumen mit süßem Nachgeschmack von Mandelmilch. Everybody´s Darling. Ein guter und süffiger Wein für jeden Tag.


Inama – Soave DOC Classico “Vin Soave”

Vinifiziert ausschließlich aus Garganega von 30 Jahre alten Rebstöcken, die auf Basaltböden stehen. Der Einstiegswein von Inama. Weitgefächertes Bukett mit Anklängen von Holunder, Feldblumen, Mandeln, Kastanienhonig und gelben Zitrusfrüchten. Am Gaumen würzig, dennoch sehr sanft und elegant, dabei deutlich mineralisch mit mittlerem Nachhall. Ein ausgewogener, frischer Wein, der auch Profis begeistern kann und eine Referenz für die Classico-Weine darstellt.

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Ed Richter

Sommelier & Wein-Journalist bei Weinteacher Ed Richter
Ein Sommelier – so einzigartig wie die Weine, die er moderiert. Ob live auf der Bühne, bei Seminaren und Verkostungen: Der Hamburger Sommelier und Wein-Journalist Ed Richter bringt die Sache auf den Punkt.

Wäre der Mann einer der Weine, die er vorstellt, man würde wohl über ihn sagen: Schon der Auftakt ist spannend, dann folgen Struktur, Balance, Tiefgang, und am Ende überzeugt er durch beeindruckende Länge. Cheerio!
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