Castello di Querceto Chianti Classico Riserva 1985

von | Red, Tasting | 0 Kommentare

Was ist die Vorgeschichte?

Im Sommer 1997 war der Autor zu Gast in der Toskana und hatte das Vergnügen, in einem Landhaus mit Sicht auf Castello di Querceto zu wohnen. Klar, dass ein Besuch des Weinguts sein musste. Klar auch, dass seinerzeit eine Kiste des damals im Verkauf befindlichen Jahrgangs im Kofferraum landete. Und im Laufe der Jahre vertilgt wurde.

Seit damals ist mir der Name Castello di Querceto als guter Erzeuger ein Begriff. Aber bei keiner weiteren Gelegenheit jemals wieder ins Glas gekommen. Umso mehr war vollkommen klar: “Will ich haben”, als ich bei ebay eine Uralt-Flasche in einer Auktion entdeckte. Ersteigert eher aus nostalgischen Gründen als in der Hoffnung auf großen Genuss.

Denn 1985: Das sind von heute aus betrachtet mehr als dreißig Jahre. Mal ehrlich: Was haben Sie damals so gemacht, was gedacht? Waren Sie überhaupt schon dabei? Madonna führte sich gerade Like A Virgin auf. Phil Collins bettelte um One More Night. Und die Dire Straits hauten Money For Nothing aufn Kopf.

Dreißig Jahre ist auch für einen Wein der Riserva-Liga eine stattliche Zeit. Mal gucken, was der alte Mann noch kann. Oder sollte man sagen: Ob er überhaupt noch etwas kann?

Was gab’s ins Glas?

Castello di Querceto Chianti Classico Riserva DOCG 1985, 12,5 % vol.

Welche Ausstattung hat die Flasche?

Schulterflasche, Kork plus das DOCG-übliche Banderolen-Gedöns. Duran Duran: A View To A Kill.

Wer steckt dahinter?

Castello di Querceto S.p.A., Via A. François, 2, 50020 Greve in Chianti (FI), Toskana, Italien, www.castellodiquerceto.it

Was ist interessant zu wissen?

Der ’85er-Jahrgang war gerade mal der zweite Jahrgang, der als DOCG Chianti Classico klassifiziert werden durfte. DOCG steht für “Denominazione di Origine Controllata e Garantita” und heißt soviel wie “Ist von da, wo draufsteht.” Kontrollierte und garantierte Herkunftsbezeichnung. Die Klassifizierung DOCG Chianti Classico war 1984 am 2. Juli in Kraft getreten.

Wo kommt die Buddel her?

Aus einer Auktion eines privaten Anbieters auf ebay.

Was kostet der Spaß?

Den genauen Auktionspreis kann ich nicht mehr nennen. Aber ich bin sicher, er lag deutlich unter zehn Euro für die Flasche. Was Rückschlüsse darauf zulässt, dass nicht viele Interessenten dem Achtziger-Gewächs zutrauten, die Jahre passabel überstanden zu haben. REO Speedwaggon: Can’t Fight This Feeling. Aktuelle Jahrgänge des Weins liegen um die zwanzig Euro.

Wie ist die alte Riserva denn nun?

Erwartet hatte ich Essignase und Zerfall. Einen Wein, der durch ist. Und dann das: feine italienische Lederslipper in der Nase, mürbe Zigarrenkiste, Zedernholz. Alles andere als durch. Und auf jeden Fall einladend. A-Ha: Take On Me.

Das setzt sich im Mund fort: mürbes Tannin, extrem fein, staubig. Dazu gesellt sich präsente Säure. Da zeigt der Sangiovese, was er in sich hat. Beides zusammen durchaus harmonisch, stimmig. Frankie Goes To Hollywood: Welcome To The Pleasuredome. Und sicher sind es diese zwei Zutaten, Gerbstoff und Säure, die den Wein über die Jahre getragen haben.

Keine Frucht. Woher auch, nach dieser Zeit? Paul Young: Everytime You Go Away. Stattdessen Aromen von Holz, von Leder, Würzigkeit, balsamische Noten, Dichte. Ein Zauber alter Bordeaux in italienischer Ausprägung entfaltet sich. Und auch die schmalen 12,5 % vol. hat die Riserva mit alten Bordeaux gemeinsam. Midge Ure: If I Was. Was für Zeiten, als man auch mit wenig Alkohol langlebige, starke Weine zu schaffen vermochte.

Ein Anflug der früheren Kraft ist immer noch spürbar, immer noch lebendig. Aber was für ein Tannin-Monster muss diese Riserva in ihrer Jugend gewesen sein. An der Grenze zur Spanplatte womöglich. Es waren eben die Jahre, als man das Barrique entdeckte und damit volle Kanne auf den Wein draufhämmerte. Tears for Fears: Everybody Wants To Rule The World. Auch das üppige Depot erzählt davon.

Doch das Alter zeigt sich in der Feingliedrigkeit des Weins, seiner Zerbrechlichkeit. Und dann, knapp eine Stunde nach dem Öffnen, ist der Zauber vorbei, der Wein zerbrochen. Mr. Mister: Broken Wings. Wirkt nur noch müde und fad. Was für eine herrlich nostalgische Stunde, die wir bis dahin mit dem alten Gesellen hatten. Und was er alles zu erzählen wusste.

Was bleibt? Simple Minds: Don’t You Forget About Me. Die 85er-Hits der UK Billboard Charts in einer Flasche? Wie könnten wir das vergessen. Grazie, Castello di Querceto!

Aus welchen Gläsern wurde probiert?

Zwiesel Viña Form 8565/1.

Wer hat’s im Mund gehabt?

Italo-Fans Edgar Wilkening und Jens Langbein. Tina Turner: We Don’t Need Another Hero.

Ist dieser Beitrag gewerblich gesponsort?

Nein.

Sind noch offene Fragen?

Wie steht Castello di Querceto heute eigentlich da? Was machen die? Wie ist der Stil? Was ziehen die aktuell auf die Flaschen?

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Edgar Wilkening

Head & heart of wineroom bei wineroom.de
Vielfach ausgezeichneter Strategie- und Kommunikations-Experte. Erfinder des legendären Pop-up-Restaurants "Die 7 Sünden", der Weinbar Rieslingrepublik und von vielem mehr.

Dem Thema Wein seit Jahren verbunden als Geprüfter Agraffenlöser & Diplom-Korkenzieher (WR) sowie Anerkannter Berater für Deutschen Wein (DWI). Erste bewusste Flasche: fränkischer Bocksbeutel aus dem elterlichen Keller – vermutlich Müller-Thurgau. Ist sowas womöglich prägend ...?
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