“Brunello & Co.” mit Weinteacher Ed Richter

Ob das wirklich eine gute Idee war: eine Masterclass vor diesem Panorama abzuhalten? Die Aussicht aus dem obersten Stockwerk des Emporio Tower gehört zu den spektakulärsten, die Hamburg zu bieten hat.

Erst recht, wenn das Wetter es gut meint und dem Betrachter die selbsternannte schönste Stadt der Welt so prachtvoll vor die Füße legt. Bei diesen Aussichten, bitte: Wer soll sich da auf Wein konzentrieren?

Hamburg Panorama

Spektakuläre Aussicht auf Hamburg von den Messehallen über Fernsehturm, Planten un Blomen und SAS Radisson bis rüber zur Alster. Wer soll sich da bitteschön auf Wein konzentrieren?

Weinteacher Ed Richter gab sich jedenfalls alle Mühe vom atemberaubenden Panorama abzulenken – durch ein ebenso atemberaubendes Outfit.

Breit gestreifte Hose, dazu ornamental reich besticktes Hemd, derart unübersehbar trat er in drei Masterclasses vors Publikum. Für so viel italienisches Stilgefühl gab es denn auch reichlich Aufmerksamkeit und anerkennende Blicke.

Stylishes Outfit, sensationelles Panorama – war sonst noch was? Ach, stimmt ja – Wein gab’s auch zu probieren. Die Handelskammer von Siena (Camera di Commercio Siena) hatte knapp dreißig Winzer in die Reisetasche gepackt und nach Hamburg geflogen, um “Tuscany – A Land of Wine” zu präsentieren. Da gab es schöne Entdeckungen ins Glas.

Bemerkenswert zum Beispiel: die beiden Spumante von Baracchi Winery (Cortona, Arezzo, www.baracchiwinery.com). Der erste: Weiß, 2012, aus 100 % Trebbiano, zwei Wochen auf der Maische, Metodo Classico, saftiges Gelb, herrlich dicht, aromatisch lang. Das kann Trebbiano? Wow!

Der andere: Rosé, 2013, aus 100 % Sangiovese, ebenfalls Metodo Classico, zwei Jahre Flaschenreife, von Frische, Säurespiel und eleganter Würze getragen – klasse strukturierter Rosé.

Ebenfalls herausragend: Fattoria di Sammontana (Montelupo Fiorentino, Firenze, www.fattoriadisammontana.com) – und zwar mit allen Weinen. Vom bionadigen Alberese über die Chianti-Klassiker bis hin zu den beiden IGTs: dem Merlot Primo Fuoco, ausgebaut in der Amphore, saftig, reif und dicht, und dem Cabernet Sauvignon von 2004, der sich immer noch knackig und jugendlich zeigte. Super gemacht, Jungs!

Okay, werfen wir einen Blick auf die Masterclass “Brunello & Co.”. Die hatte in drei Flights mit je drei Weinen und einem vierten als Einzelgänger und Schlußlicht ausschließlich 100 % reinsortigen Sangiovese in der Flasche.

Alle Weine waren schon am Abend vor der Verkostung geöffnet und geprüft worden. Sehr gut! So viel umsichtige Planung und Vorbereitung wie hier von  Sommelier Ed Richter würde man sich öfter wünschen. Dann also bitte: Vorhang auf, Mr. Weinteacher!

[easy-tweet tweet=”Stylishes Outfit, steilstes Panorama – war sonst noch was? Ach ja, Wein gab’s auch.” hashtags=”Toskana,Weinteacher,Brunello”]

La Fiorita, Montalcino, Siena

Brunello di Montalcino DOCG 2010
Zeigt leichte Reife im Glas, aufgehellte Ränder. Veilchen, Rosenblätter, Tabak, etwas Schweißfuß. Noch jung im Mund, leichter Typ, fein, Eleganz, würzig, schöne Süße in der Mitte, Länge. Schon trinkbar, aber noch Reifepotenzial. Rating 7/12
Durchgehender, gerader Brunello aus Parade-Jahrgang.


La Togata, Montalcino, Siena

Brunello di Montalcino La Togata DOCG 2011
Aufgehellte Ränder. Veilchen, Kirsche, Würze. Im Mund sperriger, kantiger, spröder. Sehr jung, mag noch nicht getrunken werden, will sich erst noch entwickeln. Hatte lange Mazeration. Rating 6/12
Gebt mir mehr Zeit, dann zeige ich vielleicht, was ich kann.


Canneta Societa Agricola S.R.I., Montalcino, Siena

Brunello di Montalcino DOCG 2011
Feine Fruchtnoten. Herbheit im Mund, geile Würze, schöne Tiefe, süße Länge. Tannin steif, zu jugendlich. Elegant und komplex für den schwierigen Jahrgang 2011. Trinken ab 2020, dann klasse. Rating 8/12
“Ein Igel im Glas” nannte ihn Weinteacher Ed Richter.


Le 7 Camicie, Montalcino, Siena

Brunello di Montalcino DOCG 2011
Animalisch in der Nase, dazu kalte Asche, grüne Kräuter, leicht medizinal. Gute Struktur, komplex, tiefe Kompaktheit, die Frucht tief unten verpackt. Süße, Wärme, am Ende straffes Tannin. Zeit geben. Rating 8/12
Toller Brunello, der seine Klasse ab 2018 langsam zeigen wird.


Poggio al Gello, Paganico, Grosseto

Rosso del Gello Montecucco DOCG 2011
Südlich der Toskana beheimatetes Bio-Weingut. Geröstete Kaffeebohnen in der Nase und Karamel. Im Mund weich, saftig, toll konzentriert, Dichte, Würze, schöne Länge. Passend zum Bio-Anspruch: spontan vergoren. Rating 7/12
Schöner kleiner Brunello-Killer!


Lornano, Monteriggioni, Siena

Chianti Classico DOCG 2012
Wein von Weinmacher Matteo Bernabei, Sohn des Önologen Franco Bernabei. Fruchtige, florale Noten, Espresso, animalisch. Ausgewogen im Mund, Kaffee, Kakao, präsente Säure. Sehr gut gearbeitet, internationaler Typus, gute Holzarbeit, schon trinkbar. Rating 8/12
Flasche auf den Tisch und bistecca dazu!


Leuta, Cortona, Arezzo

Solitario di Leuta Cortona DOC 2012
Über 40 Jahre alte Reben. Vergoren und malolaktische Gärung in gebrauchten Barriques. Zurückhaltende Nase, etwas Animalik, Leder, Tabak, Veilchen. Fein strukturiert im Mund, tolle Kirschnote, super elegant, schöner Trinkfluß. Toll gemacht! Rating 7/12
Echter Trinkspaß, auf den man nicht mehr zu warten braucht.


Casale dello Sparviero, Castellina, Siena

Chianti Classico DOCG 2012
Vertreter der neuen Spitzenstufe “Gran Selezione”. Ertrag bei 40hl/ha. Dunkles Rot. Süße Amarena-Kirsche mit Lederslippern in der Nase. Tolle Struktur am Gaumen, megaweich in der Mitte, gute Länge. Ausbau in slowenischer Eiche. Rating 7/12
Respekt, gut gemacht – wird trotzdem nicht der Lieblingswein.


Fattoria Santo Stefano, Greve, Firenze

Chianti Classico DOCG 2013
Jugendliche Farbe. In der Nase Karamelbonbon, aber auch krautige Töne. Elegantes Gaumenspiel, mittlere Länge. Jugendliche Anmutung. 13.000 Flaschen Gesamt-Produktion. Rating 6/12
Kann man machen, muss man aber nicht


Il Cavalierino, Montepulciano, Siena

Sanlor DOC 2009
Aufhellungen am Rand. Deutlich gereifte Nase mit super eleganten Lederschuhen, einladend, süßlich, toll. Im Mund disparat: zurückhaltend, schwache Aromen, unausgewogen, Loch in der Mitte. Rating 5/12
Viel gewollt im schwierigen Jahr 09 – wenig eingelöst.


Transparenz-Hinweis: Die Verkostung am 10. Mai 2016  erfolgte auf Einladung der Handelskammer von Siena. Autor Edgar Wilkening ist mit Weinteacher Ed Richter persönlich befreundet und verkostet regelmäßig mit ihm Weine – nicht nur italienischer Provinienz.

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Edgar Wilkening

Strategie & Kreation bei BIG IDEAS | Edgar Wilkening
Im Hauptberuf Strategieentwickler und Kampagnenberater. Kopf des Pop-up-Restaurants "Die 7 Sünden" und von einigem mehr. In den verbleibenden Stunden des Tages dem Thema Wein verbunden als amtierender Korkenzieher von eigenen Gnaden. Erste bewusste Flasche: fränkischer Bocksbeutel aus dem elterlichen Keller – vermutlich Müller-Thurgau. Ist so was womöglich prägend ...?
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