Château Grand-Puy Ducasse 1989

von | Red, Tasting | 1 Kommentar

Zwei betont unauffällige Männer am Straßenrand, Samstag vormittag, irgendwo auf St. Pauli. Beide über den geöffneten Kofferraum eines uralten Pkw gebeugt, die Köpfe tief unter den Kofferraumdeckel gesteckt. Die Karre hängt bis zum Anschlag in den Knien.

Den Grund dafür nehmen die beiden Männer gerade in Augenschein. Ein halber Weinkeller, die Flaschen provisorisch in Zeitungspapier gewickelt, verlangt der Federung des Pkw alles ab. Ein Wunder, dass es die Karre überhaupt quer durch die Stadt hierher geschafft hat.

Konzentriert kramen die Kerle im Kofferraum, wickeln aus Zeitungen aus, blicken auf Etiketten, manche Flaschen werden länger gemustert, gegen das Licht gehalten, kurze Abstimmung – und dann wandert immer mal wieder die ein oder andere Bouteille an die Bordsteinkante, bevor das Kramen im Kofferraum weitergeht.

Auch so kann man Wein einkaufen im Online-Zeitalter

Was anmutet wie die Dealer-Szenerie eines Vorstadtkrimis, ist das Geschacher zweier Weinkumpel, die alte Bestände plündern. Der eine der der beiden, Fahrer des motorisierten Durchhängers, verleitet interessiertes Volk zum Restetrinken.

Eine private Kellerauflösung von anno dunnemals. Die darauf noch einmal für Jahre in einem weiteren Keller verbracht hat. Ehe die Reste irgendwie hier im Kofferraum auf St. Pauli gelandet sind. Und wiederum die Interessantesten davon an der Bordsteinkante. Auch so kann man Wein einkaufen im Online-Zeitalter.

Will man mehr wissen über diese Szene? Klar! Aber nicht hier und heute, nicht an dieser Stelle. Denn der zweite Mann ist der Schreiber dieser Zeilen. Und der hat am Ende ein gutes Dutzend Flaschen aus dem Kofferraum erworben. Eine davon ein 1989er Grand-Puy Ducasse. Nach dem Besitzerwechsel nochmal ein paar Jahre im wineroom abgelegt.

Bis gestern. Da war ultimo. Der Weinteacher hatte volle sieben Stunden eine Lammkeule bei 80 Grad zum Niederknien niedergegart. Und das wollte sich der alte Mann aus Pauillac keinesfalls entgehen lassen. Immerhin fast dreißig Jahre auf dem Buckel. Ob er da noch was Amüsantes zum Abend beitragen kann?

Füllstand in the neck. Aber der Korken verkrümelt sich. Noch gerade passabel rausgekriegt. Jetzt bloß keinen Korkfehler, bitte! Ach, was – feine aristokratische Nase. Ein würdevoller alter Herr im Sonntagsanzug offenbart sich da. Und hat richtig was zu erzählen im Glas.

Dunkles Rubin, kaum Aufhellungen am Rande. Etwas Erdbeere steigt auf, viel Ledersandale und Zedernholz, dazu Kräuter, Minze, Ätherik. Im Mund süßlicher Kern im Auftakt, immer noch feste Struktur, mittlerer Körper, butterzarte Tannine am Gaumen. Mittlere Länge. Oder doch etwas längere Länge? Darüber lässt sich vortrefflich diskutieren. Auf jeden Fall bleibt Säurespiel im Finish, das die Jahre dem Wein gebracht haben – oder den Wein über die Jahre.

Vorbildlich, wie er sich bei Tisch verhält

Respekt. Nicht wirklich groß, dieser Grand-Puy Ducasse – aber doch groß in seiner Typizität. Vorbildlich, wie er sich bei Tisch verhält und zum Lamm gesellt. Bleibt über den gesamten Abend in Form, ohne auch nur eine Spur auseinanderzubrechen.

Ein Musterbeispiel für das, was Bordeaux früher war – und heute immer seltener ist: markanter Stoff, der es über Jahre und Jahrzehnte schafft, ohne auf fetten Alkohol setzen zu müssen.

Also achten Sie drauf, wenn eine alte Karre mit durchhängenden Achsen bei Ihnen in der Straße hält. Diese Vorstadtkrimi-Schätzchen in Zeitungspapier sind immer wieder für Überraschungen gut.


Was gab’s ins Glas?

Château Grand-Puy Ducasse 1989, Bordeaux, 5ème Grand Cru Classé de Pauillac en 1855, 12,5 % vol.

Welche Ausstattung hat die Flasche?

Der Klassiker: Schulterflasche, Frontetikett, Kapsel, Korken.

Wer steckt dahinter?

Château Grand-Puy Ducasse, Quai Antoine Ferchaud – BP23, 33250 Pauillac, Bordeaux, Frankreich, www.grandpuyducasse.fr

Was kostet der Spaß?

Aktuelle Jahrgänge liegen ab etwa fünfzig Euro aufwärts. Die 89er-Flasche aus dem Kofferraum gab’s für dreißig Euro.

Aus welchen Gläsern wurde probiert?

Eisch Bordeaux SensisPlus.

Wer hat’s probiert?

Der Autor mit Weinteacher Ed Richter und Begleitung.

Ist dieser Beitrag gewerblich gesponsort?

Nix da.

Sind noch offene Fragen?

Wann macht der Kofferraum-Lieferant seine nächste Tour mit in Zeitungspapier gewickelten Flaschen?


 

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Edgar Wilkening

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Vielfach ausgezeichneter Strategie und Kommunikations-Architekt. Erfinder des legendären Pop-up-Restaurants "Die 7 Sünden", der Weinbar Rieslingrepublik und von vielem mehr.

Dem Thema Wein seit Jahren verbunden als Geprüfter Agraffenlöser & Diplom-Korkenzieher (WR) sowie Anerkannter Berater für Deutschen Wein (DWI). Erste bewusste Flasche: fränkischer Bocksbeutel aus dem elterlichen Keller – vermutlich Müller-Thurgau. Ist sowas womöglich prägend ...?
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